Zwischen Lahmacun und Heimatgefühlen

Mehmet Aldag führt heute in Köln das Restaurant weiter, das einst sein türkischer Opa gründete. Für Mehmet war lange klar, wo seine Heimat liegt – bis sich alles veränderte. 

Die Fleischspieße braten auf dem Grill. Rauch steigt auf. Durch die Wolke hindurch tritt Mehmet Aldag in den Grillbereich hinter der Theke. Er ist Mitinhaber des türkischen Restaurants „Kilim“ in der Kölner Keupstraße. Sein älterer Bruder arbeitet hier, sein Onkel auch. „Es ist immer jemand aus der Familie hier“ sagt Mehmet und strahlt, „solange die Familie da ist, fühle ich mich geborgen.“

Doch genau dieses Gefühl fand er lange Zeit ganz woanders. Obwohl Mehmet in Deutschland aufgewachsen ist, hat er viele Jahre lang die Türkei als seine Heimat gesehen. Dort verbrachte er seine Urlaube, dort verbrachte sein Opa seinen Lebensabend. Dieser war als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen und hatte 1985 in Köln sein eigenes Unternehmen gegründet – das Restaurant „Kilim“, in dem Mehmet jetzt steht. Sein Opa sei der Stützpfeiler der Familie gewesen, sagt Mehmet, sogar dann noch, als der Opa wieder zurück in die Türkei ging. „Opa war wie ein Freund, Opa war wie ein Vater, Opa war wie ein Opa!”, sagt Mehmet mit geweiteten Augen. Und noch etwas verbindet ihn mit seinem Großvater. „Mein Opa hieß auch Mehmet“, sagt er und lächelt.

„Tsatsiki?“ fragt er jetzt einen Kunden und dieser bejaht. Mehmet steht hinter der gläsernen Theke. Er nimmt das Lahmacun, legt mit der Metallzange das Gemüse auf den runden Teigfladen und rollt alles zügig in Alufolie. Lahmacun ist türkisches Kult-Essen. Die Gerichte, die Mehmets Opa damals in den 80er Jahren auf die Speisekarte gesetzt hat, sind heute – knapp 40 Jahre später – immer noch darauf zu finden. 

Als sein Opa starb, veränderte sich Mehmets Sichtweise auf die Türkei. Plötzlich fühlte sich das Land für ihn nicht mehr nach seiner Heimat an. „Man hat wirklich gemerkt, dass er der Grund war, weshalb das unsere Heimat war“, kann er sich heute eingestehen. Jetzt sei ihm klar: Heimat ist dort, wo seine Familie ist. Wenn Mehmet heute jeden Morgen in seinen Laden in Köln kommt, ist vor ihm schon sein Onkel da. Das mache ihn glücklich, denn seine Familie sei es, die ihm immer Kraft schenke, egal ob zu Hause oder auf der Arbeit. „Wenn die in Köln sind, dann ist Köln meine Heimat, wenn die aber alle in Griechenland sind, dann ist Griechenland meine Heimat“, sagt Mehmet heute mit Klarheit. 

Er reicht die Papiertüte mit dem Lahmacun über die Theke und lacht. Mehmet fühlt sich in der Gegenwart angekommen. An dem Ort arbeiten zu dürfen, an dem seine Familie jeden Tag ist, erfüllt ihn. Er könne sich nichts Besseres vorstellen, betont er, es sei sein Traumjob. Mit seiner Familie verbindet Mehmet Liebe und Geborgenheit. Genau diese Gefühle seien für ihn Heimat. „Ich verbinde Heimat damit, wo meine Liebsten sind“, sagt er. Auf seinen Lippen liegt ein Lächeln.

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