Zum Überleben braucht es auffällige Deko

Die Papierpreise steigen, viele Magazine werden eingestellt. Doch Armin Pitterde ist schwere Zeiten gewohnt. Seit 36 Jahren betreibt er seinen Zeitungsladen.

„Financial Times?“, fragt Armin Pitterde den Stammkunden, der gerade vom Fahrrad absteigt. „Yes, of course“, antwortet der Mann mit britischem Akzent. Pitterde erhebt sich vom Bürgersteig, wo er gerade gefrühstückt hat und geht rein in seinen kleinen Zeitungsladen. Der Kunde stellt sein Fahrrad ab und folgt ihm. Bald hallt Gelächter aus dem wohnzimmergroßen Geschäft, in dem sich um die hundert Magazine und Zeitungen quetschen.

Vor 36 Jahren hat Pitterde zusammen mit einem Fußballfreund den Laden in der Akazienstraße gekauft und ihn „Tem Tudo“ genannt – aus dem Portugiesischen übersetzt „Alles Haben“. Die Zusammenarbeit mit dem Freund hat nicht geklappt und auch der Zeitungsmarkt hat sich seitdem massiv verändert. Viele Magazine und Zeitungen wurden eingestellt, auch weil die steigenden Papierpreise dazu beitragen, dass Gedrucktes teurer wird. Das erschwert Pitterdes Geschäft.

Doch schwere Zeiten ist er gewohnt. „Zu Beginn war ich fast immer pleite“, sagt er. Trotz Mietschulden und offenen Rechnungen hielt sich sein Laden in Schöneberg. In seiner Straße wurden aus Gemüseläden Kaffeeröstereien, Zeitungen und Magazine starben, doch „Tem Tudo“ blieb. Auch die Pandemie hat der Laden überlebt. “Seitdem ist die Auswahl an internationaler Presse nicht mehr ganz so groß”, sagt Armin. Noch vor dem ersten Lockdown verkaufte er sogar eine Zeitung aus Tokyo. 

Wegen dieser Vielfalt ist der Laden bei Menschen mit einem interkulturellen Hintergrund beliebt. Ein Großteil der Menschen, die hier einkaufen, hat einen Akzent. „Einmal die Neue Züricher Zeitung bitte“, sagt ein älterer Mann mit schweizerdeutscher Färbung. Beide einigen sich darauf, dass in dieser Zeitung vor allem die aktuellen Russland-Reportagen sehr gut sind.

Neben den Wirtschaftsmagazinen und Tageszeitungen stapeln sich Zeitschriften über Selbstfindung und das Meditieren. Buddha-Statuen aus Stein und angezündete Kerzen zieren die Regale, während auf der Hauswand Werbung für Lesungen und Konzerte betrieben wird. Um auf seinen Laden aufmerksam zu machen, setzt Pitterde auf bunte, auffallende Dekorationen. Zudem verkauft er Spirituosen, Süßigkeiten und Tabakwaren. Weil das zum täglichen Bedarf gehört, darf der Laden auch Sonntags öffnen. Um die Kundschaft zu locken, stellt er außerdem Karnevalskostüme seiner aus Brasilien stammenden Frau aus und verkauft diese. Zusätzlich zu diesen Marketingstrategien vermietet Pitterde zwei Zimmer neben seinem Laden. Dadurch kann er mit den Veränderungen des Zeitungsmarkts mithalten und sich ein Leben in der Großstadt leisten.