Wenn die Leidenschaft an erster Stelle steht
Roland Reither verkauft seit 42 Jahren Schallplatten. Auch wenn er damit nicht viel Geld verdient, hält er an seiner Liebe zu analogen Tonträgern fest.
Vor dem schmalen Eingang stehen Regale, die vor Schallplatten und CDs überquellen. Es riecht wie bei Oma auf dem Dachboden, wie Familienfotoalben, wie ein Stück Nostalgie. In dem winzigen Laden gibt es wenig Platz, um sich frei zu bewegen. Vom Fußboden bis zur Decke reiht sich Vinyl an Vinyl, kein Quadratzentimeter ist leer: Jimi Hendrix, die Beach Boys, Sting. Aus dem Korb mit der Aufschrift „Neu eingetroffen“ blickt ein junger Udo Lindenberg von einem Plattencover hervor. Das meiste kostet zwischen einem und fünf Euro. Ein Oldie sickert aus einem Plattenspieler und füllt den ganzen Raum.
Im Schallplattenladen „Music Train Records“ scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Selbst die modernsten Datenträger sind zehn bis 20 Jahre alt: Eine DVD der Serie „Two and a Half Men“ liegt in einem Regal, daneben eine Aerobic-DVD mit dem Titel „Po-Lifting“.
Roland Reither schlendert aus dem Hinterzimmer. Seine schulterlange Vokuhila-Frisur wird von einem bunten Bandana gebändigt. Seit 42 Jahren betreibt er den Laden – aus Liebe zur Musik. Er ist gelernter Konditor, hat sich im Alter von 24 Jahren aber dafür entschieden, Tonträger zu verkaufen. „Ich habe damals Platten gesammelt wie ein Verrückter“, sagt er. Die Leidenschaft ist bis heute geblieben, auch wenn sie nicht viel Geld abwirft. Um den Laden halten zu können, muss er ihn mit Nebenjobs finanzieren: Erst arbeitete er als Hausmeister, heute als Suchmaschinenoptimierer. Ein Job, den er von seinem Musikladen aus machen kann.
„An manchen Tagen kommt kein Kunde ins Geschäft“, sagt er. Aber die, die kommen, teilen seine Obsession für das Analoge. Angst um das Überleben seines Ladens im Zeitalter von Spotify und SoundCloud hat er deshalb nicht. „Es gibt noch immer genügend Menschen, die etwas in der Hand haben wollen.“ Auch viele Jüngere kämen in den Laden, sagt er. Pop-Rock laufe gut, viele würden Klassiker wie die Beatles oder die Rolling Stones kaufen.
Eine Touristin schaut in den Laden, macht ein Foto und geht wieder. In der vergangenen halben Stunde haben immer wieder Menschen neugierig hereingeschaut, ohne den Laden zu betreten. Doch Roland Reither lässt sich davon nicht stören. Er lauscht einem Album aus den 70er-Jahren, das sich gerade auf dem Plattenspieler dreht.