VERSPIELT

Tradition will wieder Tore schießen

Der jüdisch geprägte DFC Prag war vor dem Ersten Weltkrieg einer der erfolgreichsten Fußballklubs Europas. Dann wurde er von den Nazis verboten und kehrte erst 2016 zurück. Jetzt versucht er den Spagat zwischen Historie und sportlicher Zukunft

Christoph Mauerer (links) und Thomas Oellermann vor dem Landwirtschaftsmuseum in Prag – dem Ort, wo früher das Stadion ihres DFC stand.

„Hier ist der heilige Ort“, sagt Thomas Oellermann. Allzu heilig sieht er aber gar nicht aus, der verlassene Parkplatz hinter dem Landwirtschaftsmuseum in Prag. Doch aus Oellermann sprudelt es jetzt heraus, er deutet auf die Treppe hoch zum Eingang: „Da ungefähr war der Mittelkreis.“ Der deutsche Historiker kann viele Geschichten erzählen aus einer Zeit, als da noch keine Skulptur eines Traktors war, sondern eben der Mittelkreis eines Fußballplatzes. Einmal zum Beispiel war Chelsea London hier zu Gast. Der Platz war in einem schlechten Zustand. Es hat so dermaßen geregnet, dass sich der Wortwitz etablierte, vor dem Tor von Chelsea habe sich ein Chel-Sea gebildet. Damals stand hier auf dem Letna-Hügel noch nicht das Landwirtschaftsmuseum, sondern das Stadion vom Deutschen Fußball Club Prag, dem DFC.

Prag war erster deutscher Vizemeister

Der Verein wurde 1896 gegründet – und war schnell so bedeutend, dass er 1903 im allerersten Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen den VfB Leipzig spielte, allerdings 2:7 verlor. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag 1939 wurde der Verein wegen seiner jüdischen Mitglieder von den Nazis verboten. Erst 2016 wurde der DFC unter dem gleichen Namen neu gegründet. Seitdem balanciert er zwischen Erinnerungskultur und sportlichem Alltag. An diesem Wochenende im August 2023 gibt es mal wieder so einen Balanceakt.

Die Kaiserwiese im Prager Stadtteil Smíchov: Heute ist sie Heimat von einem riesigen Campingplatz, einem Golfklub und Beachvolleyballplätzen. Die letzte Etappe hierher ist eine kurze Schifffahrt, und ein wenig erinnert man sich dabei an die Deutschen auf dem Weg in ihr legendäres Campo Bahia 2014 in Brasilien. Hier schippert man zwar nicht in ein Weltmeister-Quartier, sondern nur über die Moldau, aber fußballhistorische Bedeutung hat das Reiseziel auch.

Die Schiffsroute auf die Kaiserwiese gehört in Prag zum öffentlichen Nahverkehr – und hat dementsprechend auch eine eigene Haltestelle am Ufer.
Auf der Fahrt selbst genießt man kurz die Aussicht, während auf der Insel riesige Grünflächen warten – hier auf der Driving Range des Golfclubs.

„1893 gab es auf der Kaiserwiese den Beginn des Fußballs in den böhmischen Ländern“, sagt Thomas Oellermann. Er ist im neuen DFC-Vorstand für Geschichte und Werte zuständig, kennt sich also aus. „Es gab damals auf dem Schloss in Loučeň einen jungen Burgherren, der von einem Englandtrip zurückkam und begeistert war vom Fußball. Und dann hat er seinen Schlossangestellten gesagt: Wir spielen jetzt Fußball!“ Loučeň suchte daraufhin Gegner und fand Prager Studenten, die dann aber wegen der Osterfeiertage kurzfristig die Stadt verließen. Die Ruderer des deutschen Klubs Regatta Prag wurden als Ersatz ausgemacht. „In den Sommermonaten wurde in diesem Verein gerudert, vor allem natürlich wegen der guten Wetterlage“, sagt Oellermann. „Aber im Frühjahr und Herbst hat man sich anderen Dingen gewidmet, und das wurde dann zusehends auch der Fußball.“ Ruderer sind starke Männer, deshalb fegten sie über die Schlosstruppe hinweg und gewannen 4:0 oder 5:0. Das genaue Ergebnis ist nicht überliefert. Drei Jahre nach dem ersten Spiel ging dann aus den deutschen Ruderern der Deutsche Fußball Club Prag hervor.

Das DFC-Team wird sehr spontan zusammengestellt

Heute steckt der neue DFC mitten in den Vorbereitungen für das Revivalspiel gegen Loučeň: 130 Jahre später wollen die Altherrenteams der beiden Vereine wieder gegeneinander antreten. Oellermann ist der Kapitän der Prager Mannschaft, will aber eigentlich nicht mehr so viel spielen. Deshalb hat er in den vergangenen Tagen versucht, eine Mannschaft zusammenzustellen. Teamkollege Christoph Mauerer ist noch mitgekommen zum Ort des alten Stadions, er ist Germanistik-Doktorand an der Universität Pilsen und war mal Jugendtrainer beim neuen DFC. Heute muss er zügig weiter zu einem Training von Hobbyfußballern in Prag. „Ich hätte da noch zwei, die ich für Samstag ansprechen könnte“, sagt Mauerer zu Oellermann. „Einer von beiden war sogar mal für ein Auslandssemester in München und hat deshalb einen Deutschland-Bezug.“

Das Hybernia-Theater auf dem Platz der Republik mit seiner Säulenarchitektur und der Ankündigung für Schwanensee

Es ist schwierig, Personal zu gewinnen für den neuen DFC – das Revivalspiel gegen Loučeň wird ein paar Tage nach dem Treffen am Landwirtschaftsmuseum mit 0:6 verloren gehen. Das Ergebnis spielt für Oellermann und Co aber keine Rolle, sie sind froh, überhaupt wieder ein aktives Vereinsleben in Prag organisieren zu können.

Die Konkurrenz ist groß, mit den populären Vereinen Slavia und Sparta und den regionalen tschechischen Stadtteilklubs. Vor dem Zweiten Weltkrieg beendete das Verbot der Nazis die Geschichte des DFC, nach dem Krieg war eine Neugründung wegen der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei unmöglich. Nach dem Ende des Warschauer Pakts stabilisierten sich die deutsch-tschechischen Beziehungen, in Prag entstanden deutsche Schulen und es lebten wieder mehr Deutsche in der Stadt. 2016 führte das Thomas-Mann-Gymnasium Prag im Hybernia-Theater ein Musical auf, das sich mit der Geschichte deutscher Juden in Prag auseinandersetzte. Im Anschluss an das Stück wurde auf der Bühne die Neugründung des DFC Prag vollzogen.

Das Hybernia-Theater steht auf dem Platz der Republik mitten in Prag und lädt schon von außen zum Staunen ein. Drinnen gibt es zurzeit Schwanensee, den Nussknacker und Romeo und Julia zu sehen. Wer hier einen Fußballverein gründet, hat Großes vor.

Der Spagat zwischen Tradition und Zukunft ist nicht immer einfach

Sieben Jahre nach der Auferstehung hat der DFC zwei Jugendteams, von denen aber nur eines konstant genug besetzt ist, um am Spielbetrieb teilzunehmen. „Die Jungs sind inzwischen 14 oder 15 Jahre alt, und der Kern spielt bei uns schon lange zusammen“, sagt Oellermann. Dann gebe es noch ein paar sporadische Auftritte von Altherren- oder Traditionsmannschaften, und drumherum natürlich auch viel historische Arbeiten. „Es gibt eine ganze Reihe an Anknüpfungspunkten, die wir gerne aufgreifen. Wir erinnern zum Beispiel mit Themenspaziergängen an den Holocaust.“

Die jungen Sportler, so ist sich Oellermann sicher, wissen über die große Tradition Bescheid. Dabei hat auch ein Dokumentarfilm geholfen, der 2021 erschienen ist und unter anderem in der Deutschen Botschaft aufgeführt wurde. Botschafter Andreas Künne ist Ehrenmitglied im neuen DFC – ganz schön viel Politik für einen kleinen Sportverein. Und dass Sport und Politik nicht immer beste Freunde sind, wissen wir spätestens seit den Diskussionen um die One-LoveArmbinde bei der letzten Fußball-WM der Männer. „Ich bearbeite ja bei uns im Vorstand diese historischen Themen“, sagt Oellermann.  „Da sagen meine Vorstandskollegen dann manchmal auch: ,Tradition schießt keine Tore.‘ Und da ist natürlich was dran!“ Der DFC solle ein Fußballverein sein im Hier und Jetzt, kein historischer Verein. „Kern des Geschäfts muss immer bleiben, dass Jungs einem Ball hinterherjagen.“

Oellermann hat viel erzählt an diesem Tag und ist dann doch wieder tief in die Geschichte „seines“ DFC eingetaucht. Als er auf dem Weg zur Tram nach Hause geht, läuft ihm plötzlich eine Frau über den Weg. Beide begrüßen sich überrascht mit einem kurzen Hallo. „Das war eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft“, erklärt Oellermann später. „Ihr Sohn hat auch mal beim DFC gespielt.“

Geschichte des DFC Prag

1896 Vereinsgründung aus dem deutschen Ruderverein „Regatta“ heraus

1900 Gründungsmitglied des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)

1903 Teilnahme am Finale der ersten Deutschen Meisterschaft, 2:7-Niederlage gegen den VfB Leipzig

1904 Gezwungener Wechsel in den Österreichischen Fußballverband wegen Gründung der FIFA

1913 und 1914 Böhmischer Meister

1931 und 1933 Tschechoslowakischer Amateurmeister

1939 Als „jüdischer Verein“ von den Nationalsozialisten verboten, in der Folge Selbstauflösung

2016 Neugründung im Prager Hybernia-Theater