Verändern und verändert werden

Mit 56 Jahren änderte Urs radikal sein Leben: Er wurde vom Marketingleiter bei der katholischen Kirche zum Inhaber eines alternativen Buchladens. Hat sich der Neuanfang für ihn gelohnt? 

Urs sitzt und raucht. Marlboro Rot. Neben ihm steht ein Glas mit grünem Deckel, in dem einmal Gurken waren. Jetzt ist es randvoll mit Kippenstummeln. Ein gelber Lieferwagen parkt aus, eine Fahrradfahrerin klingelt. „Gleich beginnt das Hupkonzert”, sagt Urs. Ständig grüßt er Passanten, beantwortet Fragen nach dem Weg. 

Urs Erdle ist 60 Jahre alt und denkt noch nicht ans Aufhören. Genau genommen hat er gerade erst angefangen. Er sitzt an diesem Samstagmittag rauchend vor seinem Laden, den er erst vor vier Jahren eröffnet hat. Damals war er schon 56 Jahre alt und beschloss, sein Leben auf den Kopf zu stellen. Sein Vater war kurz zuvor gestorben, Urs kündigte seinen Job und wagte etwas Neues. Er eröffnete das „Manulit”. 

Das „Manulit“ ist ein Buchladen, der mehr ist als ein Ort, an dem Bücher verkauft werden: Hier gibt es handverlesene Bücher und einen Kaffeeausschank hinter der Verkaufstheke. Im Laden stehen die Bücher nicht einfach in Reih und Glied nebeneinander im Regal, sondern sie sind mit dem Cover frontal nach vorn ausgestellt. Im verwinkelten Raum verteilt stehen Ledersessel, leise Jazzmusik tönt aus den Lautsprechern, Kaffeetassen klappern. 

Gerade hat Urs noch vor dem Laden geraucht, jetzt bewegt er sich hinter dem Tresen zwischen Siebträgermaschine und Bücherstapeln. Urs trägt Bart, ein blaues Karo-Hemd und eine Brille, die ganz vorn auf seiner Nasenspitze sitzt. Er ist einer, der zu jedem Buch und jeder Postkarte etwas zu sagen hat. Dass er dieses Geschäft einmal führen würde, war nie sein Plan, erzählt er. Aber nach dem Tod seines Vaters habe er genug von den starren Abläufen des Verlagswesen gehabt, in dem er jahrzehntelang gearbeitet habe. Und auch mit der katholischen Kirche, bei deren Nachrichtenagentur er zuletzt tätig war, habe er sich nicht mehr identifizieren können. Deshalb also der Neuanfang. Deshalb also das „Manulit“. 

Und die Veränderung hörte für den Buchhändler nicht mit der Ladeneröffnung auf. Seitdem habe sich auch seine Perspektive auf viele Dinge geändert, erzählt Urs – etwa durch die Leseclubs, die er in seinem Laden veranstaltet. Zwei FLINTA Buchclubs treffen sich etwa jeden Monat im “Manulit”, also Buchclubs, die sich explizit an Menschen richtet, die sich als weiblich, lesbisch, transsexuell oder nichtbinär identifizieren. Lesungen junger, größtenteils unbekannter „Autor*innen“ seien in dem Buchclub oft nach einem Tag ausverkauft, erzählt Urs. Die hier präsentierte große Vielfalt von alternativen Lebensformen und Literatur sei ihm persönlich zuvor weitgehend unbekannt gewesen. Heute stehen in seinem Laden hingegen ganz selbstverständlich auch queere und feministische Bücher. Trotzdem sagt Urs von sich: „Ich bin halt auch ein alter, weißer Mann”. 

Doch wer ihn in seinem Laden beobachtet, bekommt den Eindruck: Nicht alle Klischees des „alten, weißen Mannes“ treffen auf ihn zu. Urs scheint zum Beispiel sehr offen und tolerant zu sein und gut mit den verschiedensten Menschen auszukommen. An diesem Mittag kommen immer wieder Kunden herein, um zu plaudern. Zwei junge Menschen bedanken sich für eine Sackkarre, die Urs ihnen neulich ausgeliehen hat. Auch ein Mann mittleren Alters betritt den Raum und reicht Urs eine rot-gelbe Tulpe mit den Worten: „So ein schöner Laden, so ein toller Mensch.” Urs lacht, macht dem Blumenbringer einen Kaffee.  

Wenn man Urs fragt, ob sich der späte Neuanfang für ihn gelohnt hat, klingt das bei ihm so: „Ich mache weiter, bis ich tot umfalle!” 

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