Unternehmen aus dem Drucker

Autoteile aus dem 3D-Drucker, so lautet die Idee von Ben und Gero Sagemüller. Seit zwei Jahren verkaufen die Brüder ihre Produkte vom Keller in die ganze Welt. Jetzt müssen sie sich entscheiden: Hobby oder Beruf?

Es ist drückend heiß, obwohl kein Sonnenstrahl den Raum erreicht. Die klickenden und surrenden Geräte erhitzen den Raum und arbeiten ohne Pause. Nur die weißen Neonröhren an der Decke erleuchten das kleine Zimmer. Hier, im Keller ihrer Eltern, entstehen Schicht für Schicht Autoteile aus den 3D-Druckern von Ben und Gero Sagemüller.

Autoteile in 20 Länder verschickt

Unter dem Namen Carlayers entwickeln die Brüder aus Schloß Holte-Stukenbrock Autoteile, die sie in die ganze Welt verkaufen. Das sind vor allem Teile, die nicht mehr produziert werden oder von den beiden verbessert wurden. Aber auch individuelle Aufträge bearbeiten Ben und Gero Sagemüller. „Zu sehen, wie die Maschine so geschmeidig arbeitet, der ganze Druckprozess ist einfach cool“, schwärmt Gero von seiner Leidenschaft.

In den vergangenen zwei Jahren hat das Duo bereits etwa 600 Bestellungen aus dem Keller der Eltern an Privatpersonen in 20 Ländern verschickt. Ein Erfolg, der im Juli 2020 auch mit dem Gründerstipendium NRW gewürdigt wurde. Zweitausend Euro bekamen Ben und Gero Sagemüller ein ganzes Jahr lang pro Monat für ihr Unternehmen. In dieser Zeit hat sich ihr Umsatz nahezu verdoppelt. Doch das Stipendium endete im vergangenen Monat und die Brüder sind von nun an wieder auf sich alleine gestellt.

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Zwei Brüder zwei Leidenschaften

Der Weg in ihr Hauptquartier im Keller führt die Brüder vorbei an einem großen Poster von “Iron Man”, das an der Wand des unterirdischen Ganges hängt. Eines haben die Brüder mit dem Superhelden gemeinsam: Die Freude am Tüfteln und Experimentieren - auch wenn sie keine Kampfanzüge bauen, sondern Autoteile. Sobald Ben und Gero Sagemüller den Keller betreten, nehmen sie ihre gewohnten Plätze ein. Ben startet sofort den Computer, der am Ende des Raumes steht und scrollt durch einige Internetseiten. Der 22-jährige ist in dem Unternehmen auch für das Marketing zuständig und schaut immer wieder nach Inspirationen für den eigenen Internetauftritt. Während Ben noch in die Webseite vertieft ist, gilt die Aufmerksamkeit seines 24-jährigen Bruders Gero einzig und allein seinen 3D-Druckern und den fertigen Prototypen, die sich über die Werkbank verteilen. Insgesamt sieben 3D-Drucker stehen mittlerweile in dem kleinen Raum, in dem sich auch eine Packstation befindet. Und auch dafür ist es eigentlich schon zu eng.

Ben und Gero Sagemüller und zwei ihrer Drucker, der teuerste ist 7000€ Wert. Foto: Christopher Müller

Verkauf durch Zufall

Dass das Unternehmen einmal so eine Größe annehmen würde, damit hätte Gero Sagemüller selbst nie gerechnet und erinnert sich an ihre Anfänge: „Vor drei Jahren gab es nichts. Ich hatte keine Zeichenkenntnisse, keine Webseite, kein Gewerbe. Alles, was ich hatte, war ein Drucker.“

Die Idee für das Unternehmen stammt ursprünglich von einem Freund ihrer Eltern, der eine Autowerkstatt führt und 2018 Gero auf ein Problem mit einem Autoteil aufmerksam machte. Im darauffolgenden Jahr arbeitete Gero an einem ersten Prototypen und brachte sich die Grundlagen des 3D-Drucks selber bei. Schnell war auch Ben mit im Boot, der seinem Bruder nicht länger nur zugucken wollte: „Dann habe ich irgendwann einfach gesagt, ich baue dir eine eigene Webseite“, erzählt der angehende Kaufmann für Marketingkommunikation. Es gab nur ein Problem: „Ich weiß noch, wie ich damals erstmal googeln musste ‚Wie baut man eine Webseite?‘ Das war einfach alles learning by doing.“ Gero erinnert sich noch genau an seinen ersten Verkauf: „Anfang 2019 war ich mit meinem Prototypen in der Werkstatt von unserem Bekannten und wollte eigentlich nur den Einbau von dem Ding filmen. Doch bevor ich auch nur irgendetwas filmen konnte, hatte Jürgen den Prototypen schon einem Kunden angedreht und ich war um einen Fünfziger reicher“, erzählt Gero. Damit stiegen auch die Erwartungen seines Bruders: „Ich dachte erst, das ist ein Selbstläufer und wir machen das jetzt richtig krass“, gibt Ben zu. Trotzdem: Leben können die Brüder auch zwei Jahre nach der Gründung noch nicht von ihrer Idee, die in den ersten Monaten noch weit von einem Selbstläufer entfernt war.

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Irrweg durch den Bürokratie-Dschungel

„Wir hatten am Anfang einfach überhaupt keine Ahnung von Buchhaltung. Unsere Eltern haben immer gesagt, ‚das könnt ihr absetzten‘, aber wir wussten noch nicht mal was ‚absetzen‘ bedeutet“, gesteht Ben Sagemüller, der sein BWL-Studium abgebrochen hat. Ein Besuch beim Steuerberater brachte Ordnung in das anfängliche Chaos. „Ich habe einfach in zwei Gesprächen mit dem Steuerberater mehr gelernt, als im ganzen BWL-Studium“, berichtet Ben. Von da an ging es für die beiden nur noch Berg auf und während sich Ben über den steigenden Umsatz freut, misst Gero den Erfolg an etwas anderem: „Ich denke da nicht an Umsatz, sondern freue mich einfach über neues Spielzeug”, und meint damit seine 3D-Drucker.

Pizzaparty in Herford

Ihren ersten großen Erfolg erlebten die beiden Brüder auf dem VW-Käfer-Wintertreffen in Herford. Dort hat das Duo im Januar 2020 an einem Stand ihr erstes und bis dato einziges Produkt verkauft.  Etwa Tausend Euro haben sie an dem Wochenende eingenommen. Ein Erfolg, der natürlich standesgemäß gefeiert wurde. „Nach dem Wochenende waren wir so hungrig und draußen vor der Halle stand ein Pizzawagen. Da haben wir uns ordentlich gegönnt und jeder hatte so viel Pizza, wie er wollte. Der Preis war uns da erstmal egal“, erinnert sich Gero.

Die beiden Brüder bei ihrem ersten Messeauftritt. Foto: Leon Schauer

Vom Keller ins Büro

Es sind diese Erinnerungen, die die Brüder auch heute noch, zwei Jahre nach der Gründung, antreiben. „Wir wollen demnächst aus dem Keller unserer Eltern ausziehen und sind auf der Suche nach geeigneten Büroräumen im Kreis Paderborn“, berichtet Ben von ihren Zukunftsplänen. Eine Erfahrung, auf die sich beide schon freuen, die sie aber auch verunsichert. „Bisher kennen wir ja nur, dass der Umsatz wächst und ich bin gespannt, wann sich das ändert. So ein Mietvertrag ist schließlich auch eine Verpflichtung“, sorgt sich Ben.

Doch trotz aller Zweifel und Unterschiede der beiden Brüder überwiegt letztendlich die Freude an der gemeinsamen Arbeit. Denn für sie ist Carlayers mittlerweile mehr als nur ein Hobby. Da stimmt auch Ben seinem älteren Bruder zu, der sagt: „Wir wollen davon leben.“