„Totgeglaubtes lebt länger“

Schulden, Lockdown, die Bedrohung durch Streamingdienste: Das Kleinkino von Paulo da Senhora und Julieta Figueroa hat vieles überlebt. 

Durch die geöffnete Tür dringen die Geräusche der hektischen Großstadt herein. Autos jagen vorbei, Fahrräder klingeln sich den Weg frei. Doch im „B-Ware! Ladenkino“ ist es am Samstagmittag angenehm gemütlich, ein flackernder elektrischer Kronenleuchter und Lampen mit roten Schirmen tauchen den Cafébereich des Kinos in ein warmes Licht. Die alten Sitzmöbel riechen etwas muffig. Die Wände sind mit Filmplakaten tapeziert: Zwischen neuen Blockbustern wie Der Gestiefelte Kater und Barbie hängen auch Banner für Klassiker wie Casablanca.

In zwei der drei Kinosälen laufen Barbie und der Kinderfilm Oink. Am Kassierertisch sitzt, hinter einem Laptop und mehreren Broschüren versteckt, Julieta Figueroa, 48. Neben der Arbeit hört sie einen Radiobericht auf Chilenisch über die „balnearios populares“ – Ferienorte, die in den 70er Jahren für chilenische Arbeiter gebaut wurden.

Figueroa kam 2001 durch ein Stipendium für Choreographie aus Chile nach Deutschland. Seit etwa 14 Jahren hilft sie ihrem Mann Paulo da Senhora, 51, von allen nur Skalli oder „der Kapitän“ genannt, in dem kleinen Kino. Schon 2004 hat de Senhora, der aus Emden kommt, ein Freilichtkino und die Videothek „Filmkunst“ aufgemacht. Einige Jahre später plante da Senhora auf dem RAW-Gelände ein großes Premierekino mit Restaurant. Das Projekt sei jedoch mit einem „großen Fiasko“ und 250.000 Euro Schulden geendet. Diese seien heute zu einem großen Teil abbezahlt, erzählt Figueroa.

Den heutigen Standort in der Gärtnerstraße haben die beiden zufällig gefunden und mit viel Liebe eingerichtet: Im Foyer steht zwischen Sofas im Rokoko-Stil ein metallener und zerkratzter Projektor aus den 50er-Jahren. Die Videothek, die sie im Gebäude des Kinos betreiben, umfasst etwa 18.000 Filme, die nach Ländern und Regisseuren sortiert sind. Bis zu 50 verschiedene Filme zeigt das Kino in der Woche.

Labyrinthartig führen die spärlich belichteten Regale voller DVDs in die Kinosäle. Hin und wieder werde hier noch ein Film ausgeliehen, jedoch laufe die Videothek schon lange nicht mehr so gut wie früher, erzählt Figueroa. Die Videothek werde „sehr bald sterben“. Um das Kino macht sich ihr Mann, der kurz vor 13 Uhr zum Gespräch hinzu kommt, aber erstmal keine Sorgen, auch wenn die Pandemie eine schwierige Zeit für das „b-ware“ gewesen sei. Während der Lockdowns musste das Kino seine Türen schließen, in den Pandemiejahren musste der Betrieb wegen den Auflagen reduziert werden.

Auch die Zeit danach war nicht einfach. „Nach der Pandemie kamen wir lange nicht auf das Niveau vor dem ersten Lockdown“, erzählt da Senhora. Das änderte sich erst Mitte Juli dieses Jahres, als Barbie und Oppenheimer in die Kinos kamen. So viele Besucher außerhalb der Hauptsaisonzeit habe er seit 20 Jahren nicht gesehen. Damit Kinos weiterhin gut von Filmen leben können, würde es allerdings noch ein paar Barbies brauchen.Aus einem Kinosaal kommt eine Oma mit zwei Kindern, die anscheinend die einzigen in der Vorstellung von Oink waren, und geben ihre leeren Pfandflaschen ab. „Wir kommen jetzt vielleicht öfters her“, sagt sie. Auch wenn an diesem Samstagmittag nicht viele Gäste hier waren: da Senhora bleibt gelassen. Kinos seien „schon oft totgesagt worden“. Sie seien schon durch das Fernsehen, die Videorecorder und durch Streaming herausgefordert worden, hätten sich aber immer wieder neu erfunden. Egal was auch passiert, nichts komme an das Kinoerlebnis ran. Das Gefühl, mit Fremden zusammen zu lachen oder sich zu gruseln, sei einzigartig. „Totgeglaubtes lebt länger“, sagt da Senhora.