Rumba am Elisenbrunnen

Derzeit haben es ambitionierte Leistungssportler schwer. Die Corona-Pandemie und regionale Verordnungen stellen den Trainingsalltag von Turniertänzerin Viktoria Kiesel auf den Kopf. Die Aachenerin befürchtet, in Zukunft bei Wettbewerben nicht mehr konkurrenzfähig zu sein.

Am Elisenbrunnen, wo sonst nur die Touristen verweilen und vereinzelt Jugendliche und Obdachlose Schutz vor Regen und Wind suchen, hallen Rumba und Cha-Cha-Cha zwischen den weißen, klassizistischen Säulen. Es stinkt nach schwefelhaltigem Wasser und Abgasen. In weißen Sneakern und engen schwarzen Hosen tanzen Viktoria Kiesel (20) und Daniel Drozdov (21) über den glatten, schwarzen Stein-Boden. Ihre Körper schmiegen sich aneinander als wären sie eins. Dann ein kurzes Stolpern. Ein verstohlenes Lachen. Und wieder von vorn.

 

 

Turniertänzerin Viktoria und ihr Partner Daniel tanzen für den Traditionsverein TSC Schwarz-Gelb Aachen. Doch seit dem 2. November ist die Vereinshalle geschlossen. Grund dafür ist die Corona-Schutzverordnung Nordrhein-Westfalens von Ende Oktober. Bis dahin konnten sie über den Verein immerhin noch die Halle für einzelne Paartrainingsstunden buchen. Auch das geht seit Monaten nicht mehr.

 

Tanzen braucht Körperkontakt

Für David, der schon seit frühsten Kindheitstagen an Tanzturnieren teilgenommen hat, ist „Tanzen über Zoom, als wenn man Mathe nur in der Vorlesung lernen würde“. Um beim Tanzen wirklich hohes Niveau zu erreichen, sei es nun mal wichtig, dass verschiedene Übungen in Präsenz mit Körperkontakt einstudiert würden. Viktoria und David bleibt nur der Vorplatz der Uni – oder, bei schlechtem Wetter, der Elisenbrunnen.

„Tanzen ist sehr zeitaufwändig“, sagt Viktoria und „ab Mitte 20 fängt der Körper an abzubauen“. Langfristig im Turniersport aktiv zu sein mache nur Sinn, wenn man über die Zeit hinweg sein Leistungsniveau behalten kann. Wer erfolgreich sein will, muss dem Sport viel unterordnen. Und gut organisiert sein, um wie Viktoria und Daniel parallel noch ein anspruchsvolles Studium zu meistern.

Viktoria Kiesel stammt aus Aachen, die 20-jährige studiert Maschinenbau an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH). Sie fing schon mit acht Jahren an zu tanzen, vor sieben Jahren nahm sie dann erstmals an Tanzturnieren teil und hat bisher über 30 Landesmeisterschaften sowie diverse andere Turniere hinter sich. Mit dem 21-jährigen Daniel Drozdov, der Elektrotechnik studiert, ist sie seit 2019 ein Tanzpaar. Beide konnten in der Vergangenheit schon eine Vize-Landesmeisterschaft gewinnen.

 

Regionale Verordnungen erschweren den Wettbewerb

Sie befürchten aufgrund der strengen Regelungen in NRW einen unfairen Wettbewerbsnachteil. In einigen anderen Bundesländern, wie beispielsweise in Hessen, dürfen Turniertanzpaare mittlerweile wieder in ihren Hallen trainieren. „Das kann man schon als eine Art Schiebung sehen“, meint Viktoria. Sie möchte auch in Zukunft weiterhin an Landesmeisterschaften teilnehmen, um damit auch mal die Chance zu haben, sich für bundesweite Turnierveranstaltungen zu qualifizieren, wie zum Beispiel die der deutschen Meisterschaft.

Dass sie und Daniel nicht Teil des Kaders sind, der in Düsseldorf am Landesleistungsstützpunkt trainieren darf, frustriert sie zusätzlich. „Alle die vor der Pandemie im Kader waren, sind jetzt noch drin“, meint sie und fügt hinzu,“man hat normalerweise die Möglichkeit, durch Landesmeisterschaften in den Kader zu kommen“. Da aber praktisch überhaupt keine Meisterschaften oder sonstige wichtige Turniere stattgefunden haben, habe es auch keine Chance gegeben, „wo man hätte auffallen können“.

 

Sohle ohne Parkett

Am Elisenbrunnen übertönt die Musik den Verkehrslärm der angrenzenden Straße. Nur die Sirene eines vorbeifahrenden Feuerwehrautos ist lauter. Die Wandelhalle gehört Viktoria und Daniel. Die Passanten wagen es nicht, den überdachten Platz zu durchqueren. Einige beobachten die Choreographie vom Rand aus. Quietschend rutschen die Sneaker über den blanken Boden. Die Bewegungen ihrer Füße wirken zwar durchdacht und koordiniert, doch von einem geschmeidigen Gleiten sind sie weit entfernt. Erneut stolpern Viktoria und Daniel mitten in der Bewegung. Doch davon lassen sie sich nicht lange aufhalten.

„Entweder tanzen wir am Elisenbrunnen oder auch manchmal am Platanenplatz vor dem Hauptgebäude der Uni, die Böden dort sind am besten zum tanzen geeignet“, sagt Viktoria. Dennoch sind diese weit davon entfernt, perfekt für Sporttanzen zu sein. „Normalerweise sollte man bei verschiedenen Schritten sliden, aber hier wegen dem Boden geht das nicht“, erzählt sie. In den Vereinshallen, wo sie normalerweise trainieren, gibt es spezielle fürs Tanzen vorgesehene Parkettböden. Die Tanzpaare können sich so mit ihren Tanzschuhen über die hölzernen, glatten Böden mit wenig Reibung bewegen. „Draußen ist halt auch nicht so nice zum Dancen wegen den Knien“, meint Viktoria. „Outdoor“ besteht eine höhere Verletzungsgefahr für die Tänzer, da die Parkettböden einen viel besser abfedern.

Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales Nordrhein-Westfalen versteht den Wunsch der Tänzer, erinnert aber an die Risiken: „Allerdings ist Sport in Gruppen und damit auch Gruppensport im Verein aufgrund des erhöhten Aerosolaustoßes und der damit einhergehenden Infektionsgefahren derzeit nicht zulässig. Zudem entstehen durch Sport in Gruppen zusätzliche Kontakte, z.B. bei der An- und Abreise, beim Betreten und Verlassen der Sportanlagen, die es derzeit zu vermeiden gilt.“

Für Viktoria ist klar, dass die aktuelle Situation nicht nur ihrer Leistungsfähigkeit schaden wird, sondern auch dem Tanzsport an sich.

 

Badminton oder Joggen sind für Daniel nicht dasselbe wie zu tanzen. Ohne den Leistungssport fehlt ihm ein wichtiger Teil seines Lebens.

 

 

Das Tanztraining der beiden neigt sich dem Ende zu. Eine Stunde reicht für heute und im Gegensatz zur warmen Vereinshalle ist es für diese Jahreszeit mit Temperaturen um die 4 Grad noch vergleichsweise kalt. „Das ist natürlich auch nicht gerade vorteilhaft für die Muskulatur”, sagt Viktoria. Sie packen zusammen, nehmen ihre Jacken und den Bluetooth-Lautsprecher. Jetzt geht es wieder nach Hause, beide haben nämlich noch viel zu tun, denn an der Uni ist derzeit noch die Klausurphase im Gange.