Politik erklärt – in 30 Sekunden

Im September ist Bundestagswahl: Wer zwischen 18 und 21 Jahre alt ist, macht dann das erste Mal seine Kreuze auf dem Wahlzettel. Nur wo? Zwei Erstwählerinnen finden, Politik werde unnötig kompliziert gemacht – und halten mit einem Instagram-Kanal dagegen.

Berlin – Unter Johannas linken Arm klemmt ein Tablet, zwischen Ohr und Schulter ihr Smartphone, am anderen Ende der Leitung spricht eine Redakteurin vom ZDF. „Hm“, „Ja, das sollte funktionieren“, und „das hört sich gut an“.

Die 18-Jährige blickt auf die Kuppel des Bundestags, sie und das Regierungsgebäude trennt nur die glitzernde Spree. Es ist Mittagszeit, die Sonne steht an ihrem höchsten Punkt. Johanna legt auf: „Donnerstag steht, wir können auch mit Dunja Hayali sprechen”, sagt sie zu ihrer Mitstreiterin Victoria. Der Name ist schon fast nichts besonderes für sie, denn die beiden rücken den deutschen Politikgrößen wie SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, Außenminister Heiko Maas (SPD) oder Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) fast täglich mit Ansteckmikro und Tablet auf die Pelle.

“Das Licht gefällt mir hier überhaupt nicht, lass uns lieber eine andere Location zum Drehen suchen“, sagt Johanna. Die beiden drehen gerade für ihren Politik-Kanal auf Instagram ein Reel. Das aktuelle Thema: Wählen ab 16, was spricht dafür und was dagegen?

Politik sollte einfach sein

„Wir sind ja selbst Erstwählerinnen“, erzählt Viktoria auf dem Weg zum Kanzleramt. „Irgendwie haben wir das immer blöd gefunden, dass politischer Diskurs zu unnötig kompliziert gemacht wird.“ Auf ihrem Kanal erklären die beiden Politik von Grund auf, damit „jeder daran teilhaben kann“.   Die Idee mit dem Instagram-Kanal kam ihnen schon während des Abiturs in Trier. Damals saßen sie im gleichen Politik-Leistungskurs. Direkt an die Universität zu gehen, das konnten die beiden sich vor einem Jahr noch gar nicht vorstellen. Stattdessen zog es die 17- und 18-Jährige in die Hauptstadt.  @jungundpolitisch war geboren.  

Dann sei alles ganz schnell gegangen: Spontan sagte man ihnen eine 2-Zimmer-Wohnung zu und die beiden setzten sich mit vier Koffern und Reporter-Ausrüstung in den ICE Richtung Nord-Osten. Um die Wohnung zu finanzieren, jobbten Johanna und Victoria im Café um die Ecke, sonst verbrachten sie jede freie Minute im Regierungsviertel.

Große Distanz zwischen Politik und Gen Z

Seitdem hat sich vieles getan: Mittlerweile kennen die Beiden den Bundestag wie ihre Westentasche. Sie sitzen in Plenarsitzungen und schauen Politikern beim Arbeiten mal ganz genau über die Schulter. Es komme selten vor, dass die beiden Teenagerinnen eine Absage für ein Interview bekommen. Victoria sagt: “Es ist nicht so, das die, die die Politik machen, nicht mit jungen Menschen sprechen wollen. Aber im Regierungsviertel sitzen fast ausschließlich Menschen, die mindestens 20 Jahre älter sind als wir. Wir haben im letzten Jahr gemerkt, dass die einfach nicht wissen, wie man auf uns, die Generation Z, zukommen soll.”

Fast 6000 Follower hat @jungundpolitisch inzwischen auf Instagram, unter ihnen sind besonders viele Jugendliche. Für sie ist die Bundestagswahl 2021 das erste Mal in der Wahlkabine. Und die Idee, Politik einfach von Anfang an zu erklären, von jungen Menschen für junge Menschen, die scheint zu fruchten. Dauerbrenner auf @jungundpolitisch ist das Video über Noreen Thiel. Die 18-Jährige kandidiert bei der kommenden Wahl für den Bundestag. Wie das geht? Das erklären die beiden anhand der FDP-Kandidatin in 30 Sekunden – als Reel: Man muss mindestens 18 sein und die deutsche Staatsbürgerschaft haben, dann kann man über die Liste einer Partei oder parteilos als Direktkandidat gewählt werden. Das geht aber nur mit 200 Unterschriften aus dem eigenen Wahlkreis.

Ziemlich interessant, finden nicht nur Victoria und Johanna. Zwei Wochen nach Veröffentlichung knackte das Video die 70.000 Klicks.

Social Media als Newsportal für Jugendliche

Eigentlich ist es kein Wunder, dass die beiden mit ihrem Politik-Format Erfolg haben. Instagram liegt nämlich auf der Überholspur: 68 Prozent der Unter-30-Jährigen in Deutschland scrollen mindestens monatlich durch ihren Feed. Und auch im Gesamtvergleich wird Instagram immer beliebter: 2020 nutzen erstmalig mehr Deutschen täglich die App mit dem Kamera-Icon als das alt-bekannte Facebook. Das stellte die ARD-ZDF-Onlinestudie 2020 fest. Und noch eine weitere interessante Tendenz ließ sich feststellen: Immer weniger Artikel werden online gelesen, Nutzerinnen und Nutzer stehen stattdessen auf Audio- und Videoformate.

Die vergangenen zwölf Monate haben Johanna und Victoria gezeigt: “Junge Menschen wollen Politik gestalten, vor allem aber verstehen. Besonders, wenn es sie so sehr betrifft wie im vorigen Jahr. In Sachen Informationsdigitalisierung und Transparenz haben die unter der Glaskuppel noch einiges aufzuholen.”

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Nach einem Jahr im Regierungsviertel steht für sie eines ganz genau fest: Nach der Bundestagswahl ist für sie noch lange nicht Schluss. Die beiden haben sich dazu entschlossen, in der Hauptstadt Politikwissenschaften zu studieren. Auf die Frage, wo sie dann mehr Zeit verbringen werden, im Bundestag oder im Hörsaal, grinsen beide. „Na, im Bundestag natürlich!“