Plastikfrei um jeden Preis?
Seit Jahren müssen sogenannte Unverpackt-Läden reihenweise schließen. Katharina Termath arbeitet in einem der letzten drei Läden in Köln. Und gibt einfach nicht auf.
Katharina Termath jagt von der Käsetheke zur Kasse. Rüber zum Kunden, zurück zum Brotregal. „7,50€, bitte“, sagt sie. Kinder flitzen über den gefliesten Boden des Ladens, ein Mann mit Fahrradhelm streunt durch die Regale. Darin: verschiedene Arten Nudeln und Reis, Nüsse und getrocknete Früchte. Viele Produkte sind nicht verpackt. Genau das ist das Konzept des Geschäfts, in dem Termath arbeitet: Das „Gut Unverpackt“ ist ein Laden, der bewusst auf Verpackungen aus Plastik verzichten will.
Verpackungsfreie Tante-Emma-Läden wie dieser haben vor ein paar Jahren einen Hype genossen. Sie standen für den Zeitgeist: bewusster Konsum, Nachhaltigkeit, kein Abfall – auch und gerade beim Wocheneinkauf. Heute scheint dieser Trend allerdings seinen Zenit hinter sich zu haben. Immer mehr Unverpackt-Filialen in Deutschland müssen schließen. Laut dem Verband der Unverpacktläden hat sich allein bis 2022 die Anzahl der Geschäfte halbiert, Tendenz weiter sinkend. Auch in Köln gibt es heute nur noch drei Unverpackt-Läden. Einer von ihnen ist das „Gut Unverpackt“. Warum gibt der Laden nicht auf?
An diesem Samstagmittag im April jedenfalls ist einiges los. Katharina Termath, 42 Jahre alt, brauner Dutt, grauer Strickpulli, ist gut beschäftigt: Käsetheke, Gebäckausgabe, Kasse, Kontakt mit Kundinnen und Kunden. Eigentlich hat Termath Kunstgeschichte studiert. Aber die nachhaltige Lebensweise und Gärtnerei hätten sie schon lange interessiert, erzählt sie. Seit 2019 arbeite sie daher als Verkäuferin im Unverpackt-Laden. Seitdem hat sie den Hype um Unverpackt-Läden genauso mitbekommen wie das abnehmende Interesse daran. Vor drei Jahren stand der Laden vor dem Aus. Termath erinnert sich: Der Trend Zero Waste sei immer unbeliebter geworden, durch die COVID-Pandemie bedingte Hygieneängste hätten den Laden damals außerdem zurückgeworfen. Auch Lieferanten hätten geschlossen. „Am Anfang waren das noch Doppelschichten, dann war man irgendwann allein hinter der Theke“, sagt Termath mit hochgezogenen Augenbrauen. Sie habe damals um ihren Arbeitsplatz gebangt.
Doch 2023 übernahm ein neuer Geschäftsführer den Laden – mitten in der Krise brachte er frische Ideen mit. Heute sind Geschäft und Regale wieder gutgefüllt. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, wieso: Ausschließlich auf unverpackte Ware setzt der Laden nicht mehr, mittlerweile gibt es ausgewählte Bio-Lebensmittel auch mit Verpackung zu kaufen. Das sei in der eingefleischten Zero-Waste-Community am Anfang ziemlich kritisch gesehen worden gewesen, sagt Termath, aber anders rechne sich das das Geschäft einfach nicht mehr. Mittlerweile hätte sich selbst die Stammkundschaft daran gewöhnt.
Da kommt eine junge Frau zu Termath an die Kasse.
„Kurze Frage: Darf ich bei den Gummitieren mischen?“
„Ja, Gummitiere und Lakritz dürfen zusammen. Nur Schokolade geht extra.“
„Geil!“
Termath lächelt, lehnt sich leicht zurück, Krähenfüße um die Augen. Die Kundin füllt ihr Einmachglas mit bunten Weingummis. Kasse, Karte, piep. Katharina Termath steht nach wie vor fest hinter dem Prinzip des Ladens – allen Widerständen zum Trotz. Sie sagt: „In einem stinknormalen Supermarkt arbeiten, das könnt‘ ich nicht.“