Nur noch kurz die Kultur retten

Für eine mittelgroße Studentenstadt hat Jena eine vielseitige Kulturszene. Zu unübersichtlich und zu zersplittert, finden einige. Gerade nach Corona wäre eine Vernetzung wichtig. Zwei Studentinnen wollen die Szene vereinen.

Nadine Katschmarek (27) räumt Rotweinflasche und Salzstangen vom Tisch, um Platz für den Laptop zu schaffen. „Die sind nicht von uns“, sagt sie lachend. Die junge Gründerin arbeitet in einem Coworking-Space, einem geteilten Büro, das auch von anderen Start-Ups benutzt wird. Nach dem Aufräumen: Ein Videocall mit den Förderern. Nadine Katschmarek spricht von Minimal Viable Product, Scrum-Meeting und B2B. Übersetzt heißt das, dass die 27-Jährige mit ihrem Team an einem interaktiven Veranstaltungsplaner für Kulturschaffende arbeitet. Auf der Plattform ”Lineup Kultur” sollen sich Akteure aus der Szene vernetzen und sich noch in der Planungsphase von Events über Termine und Ressourcen austauschen. Noch wird das ganze vom Gründerservice ”Neudeli” finanziert, doch die Förderung endet im April.

Wiederaufbau der Kulturszene soll strukturiert ablaufen

Die Gründerin hatte die Idee, die Plattform an die Stadt Jena zu verkaufen. Die zeigte aber wenig Interesse, da sie selbst über die Internetseite JenaKultur einen Veranstaltungskalender betreibt. Allerdings soll das Projekt von Nadine Katschmarek mehr als ein Terminplaner werden. „Unser Ansinnen ist vor allem der Austausch von Akteuren“, erklärt sie. Besonders nach der Pandemie könnte es Probleme geben, wenn sich Veranstaltungen überschneiden. Sobald es wieder Präsenzveranstaltungen gibt „will jede und jeder am besten sofort loslegen und gerade dafür ist eine gewisse Struktur wichtig.“ Wenn sich 100 Vereine auf denselben Termin stürzten, sei das nicht effizient und Veranstalter würden sich gegenseitig „kannibalisieren“.

Die Szene steht sich selbst im Weg 

Kultur bedeutet für Nadine Katschmarek Ausdruck kreativer Freiheit, Austausch und Gemeinschaft mit anderen Menschen. Die Jenaer Kulturszene liegt ihr so am Herzen, weil sie sechs Jahre selbst aktiver Teil davon war. Durch ihre Arbeit bei dem Kurzfilm-Festival Verein Cellu l’art und ihrem Netzwerk in der Szene habe sie gemerkt, wie sich Kulturschaffende manchmal selbst im Weg stünden. Das möchte sie ändern. Gerade kleinere freie Vereine hätten nicht die Kapazitäten und die Reichweite, um sich effizient zu organisieren.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von datawrapper.dwcdn.net zu laden.

Inhalt laden

Die Vision einer starken Kulturszene teilt sie mit Elea Krabbes. Wenn die junge Studentin sich nicht gerade um die Public Relations von Lineup Kultur kümmert, kommentiert sie Tischkickerspiele im Büro. „Katschmarek gegen Krabbes. David gegen Goliath“, sagt sie beim Einwurf des Balls. Nadine Katschmarek und Elea Krabbes kennen sich vom Arbeiten aus dem Irish Pub und einer gemeinsam verbrachten Quarantäne. Schnell steht es 7:2 für Elea Krabbes, die den Spielstand mit „irgendwas muss ich ja besser können als Nadine“ kommentiert. Was die beiden eint, ist der Wunsch, dass die Plattform einen ideellen Mehrwert für die Kulturszene bieten kann und sie „nicht die fetten Dollar-Scheine in den Augen haben”

Kultur auf dem Sparplan 

Die „fetten Dollarscheine“ kann die Stadt Jena gerade auch nicht bieten, vor allem nicht für Kultur. Aufgrund des Haushaltnotstands musste die Stadt ein Haushaltssicherungskonzept (HSK) vorlegen. Das HSK sah vor, bei kulturellen Vereinen bis zu 20 Prozent zu sparen. Die angekündigten Kürzungen lösten eine Protestwelle aus, vor allem von dem Bündnis „Solidarische Stadt“. Das Haushaltssicherungskonzept wurde zurückgezogen und ein neuer Entwurf eines Doppelhaushalts vorgelegt. „Der Doppelhaushalt befriedet uns gar nicht“, stellt eine gewählte Vertreterin des Beirats für Soziokultur klar. Im Beirat befürchte man, dass der Doppelhaushalt bloß ein „Frieden auf Raten“ sei und bald wieder Vorschläge laut würden, an der Kultur zu sparen. Bei einem „neoliberalen Oberbürgermeister“ wie Thomas Nietzsche (FDP) sei es berechenbar, dass Kultur nicht an erster Stelle stehe. Außerdem sehe der Doppelhaushalt immer noch vor, beispielsweise an der Jenaer Philharmonie zu sparen, was Personalverlust und inhaltliche Neuorientierung bedeuten könnte. Im schlimmsten Fall könne das Orchester abgestuft werden, „was für eine Leuchtturmstadt wie Jena nicht gerade imagefördernd ist“, befürchtet die Vertreterin. Die Stadt Jena äußerte sich auf Nachfrage nicht zur Entwicklung.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von datawrapper.dwcdn.net zu laden.

Inhalt laden


Langer Winter im Februar

Auf den nassen Pflastersteinen vor der Johanniskirche haben sich ungefähr 15 Menschen versammelt, die hinter Plakaten sitzen. Manche umarmen die Plakate, andere halten sie wie Schutzschilder vor ihre Körper. Auf den Plakaten sind Gesichter zu sehen und der Schriftzug: “Markt der Unsichtbarkeiten“. Düstere Musik ertönt und eine Frauenstimme beginnt zu erzählen: „Es war einmal die Zeit des langen, langen Winters“. Sie berichtet, worauf Menschen alle schon so lange verzichten: “Kino, Kabarett, Party“. Irgendwann erheben sich die Schauspieler, strecken ihre Plakate in die Luft oder recken sich mit ihren Armen zueinander. Das performative Statement ist auf YouTube zu sehen und soll zeigen, dass an Kultur nicht gespart werden dürfe.

Die Freie Bühne e.V. will auch nach dem „langen Winter“ kritische Kunst machen. Dabei könnten Nadine Katschmarek und Lineup Kultur helfen. Ludwig Hettmann aus dem Vorstand des Theaters ist der Meinung, dass es in Jena schon seit längerem den Bedarf an einem einheitlichen Kalender-Tool für Veranstalter gibt, um Dopplungen zu vermeiden. Der bisher angebotene Veranstaltungskalender der Stadt sei eher für die Besucher gedacht, nicht für die Veranstalter. Er ist von Nadine Katschmareks Idee überzeugt: „Wenn das klappen würde, wäre das ein großer Erfolg.“ Die Freie Bühne würde die Plattform gerne zukünftig nutzen. Dies sei aber abhängig von den Kosten. Der Verein könne sich durchaus vorstellen, für die Plattform zu bezahlen, „wenn die Key-Features stimmen“, sagt Hettmann.

Geld ist nicht alles

Im Sommer 2021 soll ein Prototyp der Plattform ins Netz gestellt werden. Ob das Produkt dann durch Crowdfunding, Investoren oder von Förderern finanziell getragen wird, ist noch unklar. Das ist für die Gründerinnen aber erst mal zweitrangig. Dass sie ein Produkt für eine Zielgruppe ohne Zahlungsbereitschaft kreieren, wäre für andere Start-Ups nicht denkbar. “Wir sind eher so die Hippies in der Thüringer Start-Up-Community”, sagt Elea Krabbes. Sie und Nadine Katschmarek wünschen sich, dass das kulturelle Leben so schnell wie möglich weitergehen kann. Im besten Fall wird es durch Ihre Plattform noch besser als zuvor.