Neues Leben für Lebensmittel
Millionen Tonnen Lebensmittel landen im Müll. Essensretterin Ida Kasapoglu möchte dem mit ihrem Ehrenamt etwas entgegenstellen. Wie sie das im Kleinen schafft.
Der Motor des silbernen Autos läuft noch als sich Ida Kasapoglu durch die geöffnete Schiebetür hineinbeugt. Darin stehen aufeinander gestapelte schwarze Plastikkisten mit buntem Gemüse und verpackten Fleischwaren. Die Frau mit lockigen Haaren in rotem T-Shirt, roter Schürze und weißen Sportschuhen greift zu. Ihr Zopf rutscht dabei über ihre Schulter. Hastig trägt sie die Kisten die drei Treppenstufen nach oben in den Laden.
“Hier muss es schnell gehen, die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden”, sagt Ida, während sie ihre weißen Einweghandschuhe zurechtrückt. Seit jetzt schon vier Jahren engagiert sich die 44-jährige Realschullehrerin beim Verein EssensRetter e.V., der abgelaufene Lebensmittel in Privatinitiative bei Supermärkten abholt und dann gegen eine Spende anbietet.
In der Schule leitet sie die Hauswirtschafts-AG. Einmal habe ein Schüler zu ihr gesagt, ein Päckchen Sahne müsse weg. Dabei war sie laut Mindesthaltbarkeitsdatum noch drei Tage haltbar. Für Ida war das ein Schlüsselerlebnis, berichtet sie. “Das Datum bedeutet ja nicht, dass Lebensmittel ab dann tödlich sind, sondern bis dahin verbraucht werden sollten.” Inzwischen empfängt Ida im Laden im Kölner Stadtteil Worringen regelmäßig Schulklassen und Kindergartengruppen, um über Lebensmittelverschwendung aufzuklären. Vier Stunden in der Woche hilft sie zudem bei der Warenverräumung. So wie heute.
Nicht nur abgelaufene Lebensmittel landen in den Mülleimern Deutschlands. Jedes Jahr werden bundesweit laut den aktuellsten Zahlen vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aus dem Jahr 2022 rund 10,8 Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt. Pro Verbraucher sind das im Durchschnitt 74,5 Kilogramm. “Gerade mit Blick auf das Leid der Welt, den Klimawandel und die knappen Ressourcen spielt Lebensmittelverschwendung eine große Rolle”, meint Ida.
Sie bückt sich und begutachtet eine Packung eingeschweißten Schinken. Ihr Blick fällt direkt auf das Mindesthaltbarkeitsdatum. “Ist ein Produkt über zehn Tage abgelaufen, dürfen wir es nicht mehr ausgeben”, erklärt sie. Bei dieser Packung passt alles. Schwungvoll öffnet sie einen der drei Kühlschränke, in denen Käse, Wurst und Joghurt lagern. Erneut bückt sie sich und nimmt vier runde Tiefkühlpizzen aus der Kiste. Bei der letzten stockt Ida. “Hier ist die Frist schon überschritten.” Die Pizza kommt in eine separate Kiste. Die ist tatsächlich für den Müll.
Ihr Blick richtet sich nach unten, als sie in akkuraten Bahnen mit einem braunen Besen den schwarzen Steinboden säubert. Dann ein letzter Handgriff: Sie rückt die rote Kiste in der Auslage mit den Kartoffeln gerade. Über ihr an der Wand mahnt in grünen Buchstaben der Spruch “Stoppt die Lebensmittelverschwendung! Nahrung ist kostbar. Also rette mich…”. Jetzt sind alle Lebensmittel an ihrem Ort und können in eineinhalb Stunden von Kunden abgeholt werden. “Damit können wir immerhin einen kleinen Beitrag zur Lebensmittelrettung beitragen, auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.”