Die letzte Kutscherin

Stundenlang auf dem Kutschbock sitzen und Gästen immer das Gleiche erzählen. Was für viele nach einem Albtraum klingt, ist für Michaela Schütze ein Traumjob, für den sie kämpft.

Bevor es losgeht, schlingt die Kutscherin beide Arme um die Pferdeköpfe und hält eine Motivationsrede: „Kommt Jungs, das sind zwei Runden mit 14 Leuten, das sitzen wir doch auf einer Arschbacke ab.“ 14 Menschen, das ist die Hälfte der eigentlichen Plätze auf der Kutsche. Seit die Corona-Zahlen in Lüneburg wieder höher sind, kann Michaela Schütze weniger Touren machen und weniger Menschen mitnehmen. Für sie heißt das: „weniger Geld und weniger Winter-Petto für die Pferde.“ Michaela Schütze ist eine, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Ihre Stimme ist tief und laut, vielleicht liegt es an den vielen Zigaretten, die sie in jeder Pause raucht. „Naja, das entspricht doch voll dem Klischee als Kutscher“, sagt sie lachend.

Michaela Schütze zeigt ihren Gästen mit der Kutsche die Lüneburger Innenstadt.

Die 49-Jährige arbeitet seit sieben Jahren für den Kutschbetrieb ihres Mannes Andreas Gensch. Mittlerweile ist sie die Einzige, die mit der Kutsche durch die Lüneburger Innenstadt fährt. Ein anderes Kutschunternehmen hat 2019 aufgehört. Aber Michaela Schütze will noch nicht aufgeben. Sie fährt weiterhin viermal in der Woche mit den Pferden in die Altstadt.

Bis Juni durfte sie gar nicht fahren, Michaela Schütze war in Kurzarbeit. Den Pferden habe sie angemerkt, dass sie ohne die Fahrten unausgeglichener waren, sagt sie. Und auch ohne Einnahmen haben die Tiere Hunger: „Wir haben unsere Ersparnisse über den letzten Lockdown aufgebraucht.” Darum sei es ihr umso wichtiger, diese Saison die Verluste des vergangenen Jahres wieder auszugleichen.

Viel Arbeit für wenig Geld

Um 5 Uhr steht Michaela Schütze auf, um die Pferde zu füttern: „Die sind ja auf mich angewiesen, das motiviert mich aufzustehen, auch wenn ich mal keinen Bock habe.“ Die Pferde bekommen teilweise Malzbier zu ihrem Frühstück – es stärkt die Hufen. Später striegelt sie die beiden Kaltblüter Billy und Damian routiniert. Zwischendurch pausiert sie immer wieder für kurze Streichel- und Schmuseeinheiten mit den Pferden. Knapp zehn Minuten braucht sie pro Pferd: „Das geht schnell, wir pflegen und behandeln die Pferde gut und das sieht man denen auch an.“

Dann werden die Boxen der insgesamt sieben Pferde sauber gemacht. Michaela Schütze schiebt einen Mistwagen durch die Gänge, der größer ist als sie selbst. Früher habe sie von einer Maschine geträumt, die ihr die Stallarbeit erleichtert, aber: „die ist mit Corona in unerreichbare Ferne gerückt. Dafür haben wir jetzt kein Geld mehr.“ Zwischen Stroh und Heu redet sie mit strengem, aber liebevollem Ton nebenbei mit den Hühnern, Hunden, Katzen und Pferden.

Der Kaltblüter Aron lebt erst seit 2 Monaten auf dem Hof in Mechtersen.

Aus Liebe zu den Pferden

Für Michaela Schütze macht das ihren Beruf aus: „Ich liebe die Arbeit mit den Pferden“, sagt sie mit für sie ungewöhnlich weicher Stimme. Ohne Begeisterung würde sie den Job schon lange nicht mehr machen, denn Geld verdiene sie damit kaum. „Mein Schlafzimmer ist direkt über dem Stall und wenn es einem Tier nicht gut geht, höre ich das sofort. Das sind einfach die Mutterinstinkte.“ Schon als kleines Kind verliebte sie sich in die stolzen Tiere: „Ich mag lieber mit Pferden zusammen sein als mit zehn Menschen. Tiere sind einfach ehrlicher.“

Diese Liebe zu den Pferden sprechen ihr andere ab: Die Kutschfahrten im Hochsommer und in der Stadt seien Tierquälerei, heißt es aus Tierschutzkreisen. Michaela Schütze kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen: „Das sind doch meine Kinder, das ist doch ganz normal, dass ich will, dass es ihnen gut geht. Die Menschen in der Stadt verstehen einfach die Bedürfnisse der Tiere nicht.“

Die Pferde knutschen während die Michaela Schütze den Stintmarkt erklärt.

Ein eingespieltes Team

Mit dem Transporter fährt Michaela Schütze zu einer Halle in Goseburg und spannt die Pferde vor die Kutsche. Das Geschirr aus Leder ist schwer, aber Michaela Schütze hievt es geübt über die im Vergleich zu ihr fast doppelt so großen Pferderücken.

Michaela Schütze kann genau voraussagen, an welchen Stellen die Pferde noch mal äppeln werden. „Die Tiere und ich sind wie Ehepartner, wir kennen uns wie aus dem Effeff“, erzählt sie. Einige Autos überholen die Kutsche, Motoren dröhnen und die Sirene eines Krankenwagens schrillt. Michaela Schütze redet in solchen Situationen mit den Pferden: „Wenn sie hören, dass ich bei ihnen bin, wissen sie, das alles gut ist.“ Während sie über ihre Beziehung zu den Pferden spricht, kommen der sonst so abgeklärt wirkenden Kutscherin ein paar Tränen: „Da könnte ich jetzt gleich schon wieder runter klettern, die Pferde knutschen und ihnen sagen, dass sie die Besten sind.“ In der Innenstadt angekommen, legt sich ein zufriedener Gesichtsausdruck auf Michaela Schützes Gesicht: „Hallo Stadt, da sind wir!“

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Eine andere Perspektive auf die Stadt

Wenn Gäste fragen, ob das die richtige Kutsche ist, sagt sie stolz: „Ja, ich bin die einzige Kutscherin, die es hier gibt!“ Im Gespräch mit den Gästen nimmt ihre Stimme einen ganz anderen Klang an. Wie eine Schauspielerin erzählt sie den älteren Herren und Damen mit leicht säuselnder Stimme den auswendiggelernten Text über die Lüneburger Innenstadt. Jede Anekdote sitzt, jeder Witz, der Lüneburgs Geschichte mit dem Heute vergleicht, ist an der richtigen Stelle eingebaut. Obwohl sie immer leicht nach hinten zu ihren Gästen gedreht sitzt, erkennt sie sofort, wenn eine Tüte auf dem Boden ihre Pferde erschrecken könnte. Von der Kutsche sieht man die Stadt aus einer ganz anderen Perspektive. Das erzählen Michaela Schütze auch Menschen, die schon immer in Lüneburg leben.

Die Saison geht jetzt noch drei Monate. „Wir haben Angst vor einem vierten Lockdown, weil wir nicht wissen, ob wir das finanziell noch packen. Da geht es nicht um uns, sondern um alle Tiere, die auf unserem Hof sind.“ Ihr Wunsch: „Genug Geld für unsere Kaltblüter einfahren können, sodass wir uns keine Gedanken machen müssen, ob wir sie im Winter versorgen können.“