Lieblingsstücke aus zweiter Hand
In Köln haben sich vier junge Freundinnen ihren Traum verwirklicht: Mit dem Second-Hand-Laden „Soulsisters“ setzen sie ein Zeichen gegen Fast Fashion. Läuft der Laden?
Zielgenau setzt Marielu Schaller das knallgrüne Etikettengerät an den Kragen der weißen Jacke mit Spitzenmuster. Klack! Der Preiszettel ist dran. Marielu streicht das Kleidungsstück glatt, bringt es zum anderen Ende des Raumes, wo sie es an einer Kleiderstange mit ungleichen Kleiderbügeln aufhängt. Im Laden läuft Musik, die Hits der letzten Jahrzehnte. Der alternative Rockklang der Smiths vermischt sich mit den Hip-Hop-Beats von Jay-Z, Maroon 5 trifft auf Cro. Noch ist relativ wenig los in dem offenen, bunt eingerichtetem Second-Hand-Shop am Hansaring in Köln.
Hier, im „Soulsisters“ verkauft Marielu Schaller gebrauchte Kleidung – und liegt damit voll im Trend. Klamotten aus zweiter Hand erfreuen sich schließlich immer größerer Beliebtheit. Weltweit steigt ihr Anteil am Bekleidungsmarkt, in Deutschland liegt er aktuell laut Statista bei rund zehn Prozent. Gleichzeitig boomt auch die sogenannte Fast Fashion, also billig produzierte Massenware von Bekleidungsketten wie H&M, Primark oder Shein. Organisationen wie Greenpeace kritisieren sie: Die Kleidung sei zwar für die Kunden günstig, aber der niedrige Preis gehe einher mit hohen Kosten für Umwelt, Arbeiterinnen und kommende Generationen.
Dagegen wollte Marielu Schaller etwas unternehmen. Also eröffnete sie vor ein paar Jahren ihren eigenen Second-Hand-Shop – zusammen mit ihren drei besten Freundinnen. Läuft der Laden?
Schaller, 25 Jahre alt, unordentlicher Dutt, große Ohrringe, trägt an diesem Samstagvormittag selbst „pre-loved“ Kleidung: einen Wollpullover mit roten und grauen Streifen, eine schwarze Stoffhose. Sie sortiert zwischendurch immer wieder alte Kleidung, macht sie sauber. Für Schaller seien es vor allem die hohe Qualität und die Einzigartigkeit der Textilien seien, die sie so an Second-Hand-Mode schätze.
Schon als Teenagerin hätten sie und ihre Freundinnen erste Ideen gehabt, ihre Liebe für die nachhaltige Fashionalternative auch anderen Menschen näherzubringen. Und mit Anfang 20 hätten sie sich dann gedacht: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“
Schaller und ihre Freundinnen seien zurück in ihre gemeinsame Heimat nach Köln-Ehrenfeld zurückgezogen, in dieselbe Straße, in der sie schon als als Kinder zusammen aufgewachsen waren. Gut ein Jahr habe die Vorbereitung für die Eröffnung des gemeinsamen Ladens gedauert, erzählt Schaller. Sie hätten sich vieles erst einmal aneignen müssen, vor allem Fachwissen über Steuern, Verträge, Lieferketten. Auch die Suche nach einem Standort sei schwer gewesen, oft wurde lieber an „Erwachsene“ vermietet. Irgendwann klappte es dann aber doch. Bald feiern die vier Freundinnen ihr zweijähriges Jubiläum als Co-Geschäftsführerinnen ihres eigenen Second-Hand-Ladens.
Leicht ist es trotzdem nicht immer. Schaller studiert Politikwissenschaften im Master und muss die Arbeit im Geschäft mit ihrem Studium unter einen Hut bringen. Und: Ihr Unternehmen ist aktuell kaum rentabel. Die vier Besitzerinnen finanzieren sich vor allem durch Nebenjobs, BAföG und Unterstützung aus dem Elternhaus. Dabei geht es Schaller und ihren Freundinnen mit dem Verkauf der Second-Hand-Mode sowieso nicht ums Geld „Wir machen das aus Spaß“, sagt Schaller.
Mittlerweile stöbern die ersten Passanten im Laden. „Das ist voll meins!“ ertönt die Stimme einer Frau. Ihre Augen leuchten, in der Hand schwingt sie ein schwarzes Oberteil. Die Kundin bringt ihren Fund zur Kasse, einer alten Handwerksbank, auf der sich schon ein Turm aus Stoff und Wolle gebildet hat. Schaller kassiert. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Das sei es, wofür der Laden stehe, sagt sie: „Hier kann man mit einem besseren Gewissen mehr einkaufen!“