Lerndefizite auf dem Tablet serviert

Geflüchtete Kinder sind beim E-Learning besonders benachteiligt. Amir aus Afghanistan hat im vergangenen Schuljahr viel Zeit mit dem iPad verbracht, ob er dabei wirklich was gelernt hat, ist fraglich. Die Geschichte eines Kindes, für das theoretisch alle zuständig sind, aber praktisch nicht.

 

30 Kills with M762 Love“ heißt das LetsPlay Video, das Amir guckt. In einer bunten Welt schießt der Player auf seine Gegenspieler, es sieht nicht aus wie ein Kriegsgebiet sondern wie eine Traumwelt. Er stößt mit seinem Fuß gegen den Ikeatisch, er trägt Schlappen und einen Trainingsanzug flankiert mit weißen Streifen. Amir ist vor vier Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und lebt aktuell in einer Geflüchtetenunterkunft in Spandau.

Amirs Klasse war das Jahr über im Wechselunterricht, drei Wochen Präsenz, drei Wochen online über den Lernraum Berlin. Die kostenlose Lernplattform wird vom Land zur Verfügung gestellt. Er saß dann in seinem Zimmer, das er mit seiner älteren Schwester teilt. Pro Person sind sechs Quadratmeter vom Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten vorgesehen. Die Eltern hatten eigens einen Schreibtisch angeschafft. Den teilt er nicht nur mit seiner Schwester, sondern auch noch mit seinem Vater.

 

 

Wenn er etwas nicht versteht oder Hausaufgabenhilfe braucht, geht er nachmittags zu einem der Gemeinschaftsräume. Heute verschwindet der Dreizehnjährige dort hinter dem Computerbildschirm, beobachtet einen vietnamesischen Gamer beim Zocken. Die Wände des Raums sind bunt bemalt, an den Fenstern kleben selbstgebastelte Regenschirme aus Pergamentpapier. Vor den Fenstern: Eine Mauer aus Wohnungen, die das Tageslicht schluckt. Am Tisch einige Meter weiter sitzen ein paar Mädchen und knobeln an Matheaufgaben, eine Sozialarbeiterin hilft ihnen dabei. Immer wieder schwappt Geschrei vom Flur in den Raum, die Tür geht ständig auf und zu. Durch die Milchglasscheibe sind patschige Handabdrücke und Zettel  zu erkennen, die um Rücksicht bitten. Nur die wenigsten halten sich daran.

 

Sozialarbeiter können nicht allen gerecht werden

 

Die Sozialarbeiterin steht auf, will für Ruhe sorgen, wird herausgesogen von den Geschehnissen auf dem Gang. Sie bleibt länger weg als erwartet. Ein Mädchen, das eben noch gerechnet hat, geht an ihr Handy, ein anderes fängt an zu basteln. 150 Minderjährige wohnen in dieser Unterkunft am Rande Berlins, fast jeder hat Geschwister. Insgesamt wohnen hier rund 290 Menschen. Zwei Sozialarbeiter und ein Jugendbetreuer übernehmen die Aufgaben von dutzenden Eltern. Hausaufgaben begleiten, Nachhilfe geben, Inhalte erklären, Mut machen. „Wir haben keine Zeit mehr für die Erwachsenen oder Kindergartenkinder. Die Schulkinder sind grade einfach wichtiger“, erzählt Sozialarbeiter Thomas Terber über die Zeit während der Pandemie.


Amir stört der Online-Unterricht nicht. „Geil” sei die Zeit des Homeschoolings. „Mehr Zeit zum Zocken und für Freunde.“ Immer wieder holt er sein Smartphone heraus, Handyhülle Armymuster. „Nur kurz WhatsApp gucken.“  Das Leihtablet aus der Schule hat er nicht da. Das sei im Zimmer, sagt er. Die Hausaufgaben heute hat er schon erledigt.

 

 

 

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie teilt mit, sie nehme besonders Rücksicht auf sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, zu denen in der Regel auch Geflüchtete gehören. In den Lehreinrichtungen bedeute das vor allem die Verteilung von Tablets und Online-Unterricht. Die Senatsverwaltung hatte im Dezember bekannt gegeben, dass rund 42.000 Geräte an alle bedürftigen Berliner Schüler ausgegeben werden sollen. Nach einer Befragung des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten braucht die Hälfte aller in Unterkünften lebenden Kinder ein digitales Gerät, Ende Januar hatten nur 20 Prozent eines erhalten. Während des Schuljahres wurde festgelegt, dass bei schrittweisen Öffnungen geflüchtete Schüler priorisiert werden sollen. Auch von Jugendsozialarbeit an Schulen ist bei der Senatsverwaltung die Rede, von Antragsoptionen auf Nachhilfe. Sozialarbeiter Terber sagt: „Diese Angebote finden aktuell nur digital statt.“ Digitale Nachhilfe für Schüler, die im digitalen Unterricht die Lerninhalte nicht verstanden haben. Auch die Schulsozialarbeiter könnten bei geschlossenen Schulen nicht helfen.

 

Drei Viertel der Unterkünfte haben schlechtere Bedingungen

 

Die Realität in der Unterkunft sieht anders aus als auf dem Papier. Die meisten Kinder hätten auch erst vor einigen Wochen Tablets erhalten, sagt  Einrichtungsleiterin Isadora Royer. Aktuell versuchen die Sozialarbeiter und Betreuer den Kindern in Gruppen zu helfen, die Abstandsregelungen einzuhalten und trotzdem möglichst vielen gerecht zu werden. Eine Person ist dann für die schulische Unterstützung von 5 bis 6 Kindern verantwortlich. „Wir haben für die Kinder Termine vereinbart“, erzählt Royer. Aber die Zeit reicht dennoch nicht. „Ich denke da sind viele Kinder auch runter gefallen.“ Dabei ist die Unterkunft schon eine der privilegierteren.

 

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Das Refugium Freudstraße wurde erst vor drei Jahren eröffnet, es gibt Einzel- und Doppelzimmer, Familien haben ein eigenes Bad und eine Küchenecke. Diese Apartment-Struktur haben allerdings nur rund ein Viertel der Geflüchtetenunterkünfte in Berlin. Die restlichen 60 Unterkünfte sind wie Wohnheime: Mehr Menschen die sich ein Zimmer teilen, Gemeinschaftsbäder und -küchen. Schreibtische sind in keinem der Modelle eingeplant, auch das WLAN wurde erst seit März flächendeckender ausgebaut. Vorher hatten viele Unterkünfte nur in den Gemeinschaftsräumen funktionierendes Internet. Laut Pressestelle des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten sei das bei 15 Unterkünften immer noch so.

 

Alle Kinder brauchen Unterstützung

 

Als die Kinder die Tablets erhielten, sei es unglaublich schwer gewesen, sagt Sozialarbeiterin Royer. “Weil die gar keine Einführung bekommen haben. Kinder, egal woher sie kommen, ob das Geflüchtete sind oder nicht, brauchen Unterstützung. Und wenn die Eltern nicht der deutschen Sprache mächtig sind, ist das einfach ein Akt”, erklärt sie. Wie überall in Deutschland stützen sich auch hier die schulischen Leistungen der Kinder auf das Engagement und den Bildungshintergrund der Eltern. Bei Eltern wie denen von Amir, die selbst keine Ausbildung hatten und Analphabeten sind, ist diese Hilfe dürftig. Im Sommer steht bei ihm der Schulwechsel an. Er weiß noch nicht, auf welche Oberschule er kommt, wahrscheinlich die gleiche, auf die auch seine Schwester geht: „Neben Netto.“