Lenas zweiter erster Schultag

Die meisten Schülerinnen und Schüler beklagen sich über den Online-Unterricht, die Zeit ohne ihre Klassen. Für Lena war Corona aber eine einmalige Chance: Schritt für Schritt an die Schule zurückzukehren in ein Leben, das nicht nur aus Essstörung besteht.

Lena streicht Butter auf das erste Brot, dann Frischkäse, legt darauf zwei Gurkenscheiben. Auf das zweite kommt Butter, Aufstrich, etwas Ei. An das letzte Mal, als sie ihr Pausenbrot geschmiert hat, kann sie sich nicht erinnern. Sie bricht zwei Fruchtzwerge ab. Für Lena ist das ein Stück mehr Verantwortung, das sie heute für sich übernimmt. Ein wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit, hinaus aus den letzten Jahren, die von ihrer Essstörung kontrolliert wurden. Pünktlich um 7:30 Uhr verlässt Lena das Haus, mit strammen Schritten macht sie sich auf den Schulweg. Im Tageslicht scheint Lena blass, die Adern der Hände schimmern durch die Haut. In der Nacht ist sie mehrmals aufgewacht, immer wieder kamen die Gedanken, wie der Tag verlaufen wird.

Mit 18 Jahren in der 10. Klasse

Seit ungefähr vier Jahren ist Lena magersüchtig, genauer lässt sich das nicht sagen. Wenn sie an die hinter ihr liegende Zeit denkt, hat sie keine Monate oder Jahre vor sich. Sie denkt in Aufenthalten in Kliniken und Psychiatrien, verschiedene Orte, an denen sie war, verschiedene Stationen, offene und geschlossene. „Vieles davon habe ich verdrängt oder wollte ich vergessen“, erzählt sie. „Jeden Tag habe ich von Mahlzeit zu Mahlzeit gelebt. Ich war wie in einer Blase, das war nicht das reale Leben.“ Die Schule hatte darin keinen Platz.

Seit Mai 2020 wohnt sie in einer betreuten Wohngruppe für Personen mit Essstörungen in München. Im Herbst erreichte sie den Mindest-BMI, den die Einrichtung vorgibt, um wieder in die Schule gehen zu können. Jetzt ist Lena 18 und geht in die zehnte Klasse. Die ersten drei Wochen im Oktober konnte sie in Präsenz die Schule besuchen, doch nur vormittags und ohne Noten zu bekommen, zur langsamen Eingewöhnung. Als sie damals ihrer Banknachbarin ihr Alter verriet, fragte diese: „Ich darf aber schon noch Du sagen?“

Druckausgleich mit Chilibonbons 

Nach knapp drei Jahren wieder in eine Klasse zu kommen, in der sie niemanden kennt, war nicht leicht. Der Online-Unterricht war ein guter Einstieg, um sich langsam an die Leistungssituation zu gewöhnen. Mündlich könne man gute Noten sammeln, das nimmt etwas Druck am Anfang. Wenn die Anspannung doch zu groß wird, kann Lena auf einen Baukasten mit Skills, die sie in Therapien erlernt hat, zurückgreifen. Das kann ein Chilibonbon sein, an Amonika zu riechen oder zu kneten. Wenn sich Lena bewusst darauf konzentriert, gelangen die drückenden Gedanken für einen kurzen Moment in den Hintergrund.

Lena weiß, dass sie nichts überstürzen darf, um den Hauptschulabschluss zu schaffen. Gleichzeitig birgt die Rückkehr in die Schule aber auch das Risiko, rückfällig zu werden. Lena sagt von sich selbst, dass sie leistungsorientiert ist. Wenn ihr etwas nach ihren Ansprüchen nicht gelingt, belastet sie das: „Dann falle ich schnell wieder tiefer in die Essstörung, denn darin bin ich gut. Ich weiß, wie man abnimmt.“

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Für Lena ist es ein Balanceakt, an den sie sich gewöhnen muss. Nicht zu viel, nicht zu wenig Kontrolle haben. Denn sie ist immer noch krank. Die Anorexie schränkt ihren Alltag immer noch ein. Ein Leben ohne Essstörung kann sie sich nicht vorstellen, dazu begleitet diese sie schon zu lange. „Ich wünsche mir eher, dass ich eines Tages ein Leben führen kann, in dem die Anorexie nicht mehr mich kontrolliert, sondern ich sie im Griff habe. Ein Leben, in dem ich meinen Körper so annehmen kann, wie er ist. Keiner spricht hier von lieben oder toll finden, sondern einfach nur akzeptieren.“

Stück für Stück zum eigenen Leben zurück

Es sind die kleinen alltäglichen Dinge, die Lena Normalität zurückgeben. Allein einkaufen zu gehen ist eine Freiheit, die bis vor ein paar Monaten undenkbar gewesen wäre. Lena geht durch den Supermarkt, schaut sich alle Regale an. Sie legt in den Korb, auf was sie Lust hat. Tomaten, Zucchini, Quark, Butter, Schokopudding, zwei Mehrkorn-Brote, die sie am liebsten mag. An der Kasse fällt ihr ein Schokoriegel auf, den sie noch nicht kennt. Sie dreht ihn in der Hand, legt ihn dann aufs Band, für ihren Vorratsschrank. Lena kann sich oft ihr Essen aussuchen, sie ist aber an Zeiten gebunden: Frühstück, vormittags eine Zwischenmahlzeit, mittags wird von einer Haushaltswirtschafterin gekocht, nachmittags eine Zwischenmahlzeit, dann Abendbrot.

So ist auch die Schule eine Etappe auf dem Weg in einen normalen Alltag. Sie gibt Lena etwas zu tun und die Möglichkeit, nach langer Zeit wieder neue Leute kennenzulernen, die nicht unbedingt psychisch erkrankt sind. Der Unterricht gibt ihrem Tag Struktur und mit dem Abschluss ein Ziel, auf das Lena sich konzentrieren kann. Was danach kommt, ist für die kommenden zwölf Schulwochen bis zu den Sommerferien nicht relevant. Ihre Ansprüche an die neue Schulsituation schraubt Lena so weit runter wie möglich. „Vor meiner Erkrankung hatte ich mein Leben bis ins kleinste Detail geplant. In dem Alter mache ich das, danach bin ich dort. Und jetzt schauen wir mal, wie weit ich gekommen bin.“Sie lacht und schiebt erklärend nach: „Ich bin sehr zynisch. Mit dieser Krankheit musst du  Witze machen, anders hältst du es nicht aus.“

Erklären statt verschweigen

Wenn Lena gefragt wird, spricht sie offen über ihre Krankheit. Manchmal muss sie dann auch ihren Klassenkameraden erklären, was Anorexie ist. Oftmals reagieren die dann unbeholfen, das kann Lena verstehen. Psychische Krankheiten seien ein Tabuthema, aber weit verbreitet – und ein Teil von ihrem Leben. Lena arbeitet hart daran, dass die Schule darin ihren Platz findet, aber wie sich die nächsten Jahre entwickeln, kann sie heute nicht wissen.

Nach acht Schulstunden am Stück, zum ersten Mal seit ziemlich genau drei Jahren, kommt Lena aus dem Schulgebäude. Daran ist sie nicht mehr gewöhnt, sie will schnell nach Hause. Bald ist wieder Zwischenmahlzeit. Doch zuerst wird sie sich eine Wärmflasche machen, durch das Lüften ist sie „richtig durchgefroren“. Morgen wird sie wegen des Wechselunterrichts wieder zuhause bleiben und sich mit Arbeitsaufträgen beschäftigen. Ihr Fazit nach dem ersten Tag: „Am liebsten online, Präsenz ist auch nicht schlimm. Aber der Wechselunterricht nervt, entweder ganz oder gar nicht.“

Lena will keine Zeit mehr für halbe Sachen verschwenden. Sie will endlich weiterkommen. Die Essstörung wird sie weiterhin begleiten, aber sie soll sie nicht mehr stoppen: „Früher habe ich nur für die Essstörung gelebt, immer gemacht, was sie mir gesagt hat. Ich hatte gar keine Motivation und habe nur darauf gewartet, 18 Jahre alt zu werden – denn dann kann mich niemand zwangseinweisen, ich kann machen, was ich will, auch mich zu Tode hungern. Aber jetzt bin ich 18 und möchte gesund werden. Ich will nie mehr so tief abrutschen.“