Fahrradhandel-Krise: Leider hat es Boom gemacht

In der Fahrradbranche fehlt seit zwei Jahren das Material. Daniel Tietz trotzt den Widrigkeiten des Weltmarktes und führt seinen Familienbetrieb so gut es geht fort. Zum Glück hat er noch einen “Goldschatz” im Hinterzimmer.

Die Metallklingel an der Decke über dem Eingang klirrt, als eine Frau die Tür aufdrückt. Sie schiebt ein Fahrrad ins Geschäft, genauso wie ihre drei Kinder und ihr Mann. Daniel Tietz wischt sich die Hände an der Hose ab und kommt um die Ecke, um seine Kundschaft in Empfang zu nehmen. „Na, was kann ich für euch tun?“ Die Mutter zeigt auf die Kinderräder. „Die Jungs brauchen Gepäckträger und ein Licht. Hast du da eins mit Dynamo?“ Das ‚Du‘ ist hier Standard, alle Kunden wirken wie gute Bekannte. Der 46-Jährige dreht sich um und wirft einen schnellen Blick an die Wand, an der eingeschweißte Fahrradteile hängen. „Dynamos haben wir nicht da, die kriegen wir auch nicht ran“, sagt er. Die Frau wiegt den Kopf. „Na dann lassen wir es erstmal, wir haben ja noch eine Notfalllampe zu Hause.“

Dass „Radsport-Tietz“ in Pillnitz seine Kundinnen und Kunden auf unbestimmte Zeit vertrösten muss, wenn sie nach speziellen Fahrradteilen fragen, ist mittlerweile Alltag. Manche Produkte fehlen ihm seit über einem halben Jahr. Die gesamte Branche ist von enormen Lieferengpässen getroffen. Schuld daran ist die Pandemie, wodurch viele Werke in Südostasien stillstanden und einen nicht aufzuholenden Rückstau verursacht haben. Nahezu alle Bestandteile eines Fahrrads kommen von dort. Am Ende der langen Lieferkette stehen kleine und große Händler wie Daniel Tietz, denen nun schon seit zwei Jahren nichts anderes übrig bleibt, als sich mit der vertrackten Lage zu arrangieren.

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Notgedrungene Umgestaltung

Dort, wo sich früher nagelneue Räder aneinander gereiht haben, stehen jetzt ein blauer Sessel, ein Couchtisch und eine dunkle Holzkommode mit einem Schallplattenspieler. „Irgendwas musste ich mit der freien Fläche ja anfangen“, sagt Tietz und lächelt verschmitzt. „Da habe ich sie schön dekoriert.“ Auch ein gerahmtes Ölgemälde von einem Reiter und eine uralte Wanduhr verleihen dem Laden Charme. So historisch, wie das Geschäft anmutet, ist es auch: Tietz‘ Vater gründete den Meisterbetrieb 1977. Sohn Daniel übernahm das Familienunternehmen vor knapp 20 Jahren und entwickelte sogar eine Eigenmarke; „Fliehkraft“ steht auf den Rädern, die er selbst baut. Das Logo prangt auch auf seiner enganliegenden, schwarzen Fahrradjacke. Doch an seine Manufaktur ist gerade nicht zu denken.

Die Schwierigkeiten der Fahrradbranche sind komplex: Geschlossene Fabriken, keine Schiffstransporte, hohe Frachtkosten, der blockierte Suezkanal im vergangenen Jahr. Nicht zu vergessen sind die fehlenden Arbeitskräfte sowohl in der Industrie in Asien als auch im Vertrieb in Deutschland. Daniel Tietz erinnert sich an den ersten Lockdown im März 2020: „In der Zeit haben die Händler in Deutschland auch Fehler gemacht und erstmal ihre Lager ausverkauft.“ Viele hätten dann zur Sicherheit ihre Bestellungen storniert, sodass in Asien langsamer produziert wurde. Nach dem Lockdown sei die Nachfrage in der Branche plötzlich um 30 Prozent gestiegen, sagt er. „Es entstand ein riesiges Loch.“ Tietz bekommt jetzt Ersatzteile geliefert, die er im Juni vergangenen Jahres bestellt hat. „Früher haben wir von einer Woche auf die nächste denken können, so luxuriös war’s“.

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Reparaturen auf Hochtouren

Der Inhaber kann nur von Glück reden, dass er Ende 2019 einen Vorrat mit Verschleißteilen angelegt hat – „der Goldschatz“, wie Tietz ihn nennt. Damit bewältigen er, sein Kollege und seine Kollegin das Tagesgeschäft. „Wir reparieren wie verrückt“, sagt Tietz und hebt das nächste Fahrrad auf den Sockel. Im Hintergrund läuft leise Pop-Musik aus dem Radio; die Musik füllt die konzentrierte Ruhe. Zwischendurch klingelt immer wieder das Telefon und Tietz unterbricht seine Arbeit, um am Computer den Terminplan zu checken. Die schwarzen Arbeitshandschuhe behält er an, als er schnell eine Nummer eintippt. „Diese Woche ist proppevoll, aber vielleicht kann ich’s übernächste Woche unterkriegen“, sagt er  in den Hörer. Vergangenes Jahr mussten Kundinnen und Kunden noch mehr als fünf Wochen auf einen Reparaturtermin warten.

Da Tietz wenig Ware verkaufen kann, konzentriert er sich mittlerweile fast ausschließlich auf die Werkstatt. Die letzten 35 neuen Räder stehen noch im Verkaufsraum, dann ist erstmal Schluss. Wenn er zur Saison 2024 Räder haben wolle, müsse er diese schon jetzt bei den Großhändlern bestellen. Er habe jedoch keine neuen Verträge unterschrieben, weil die Hersteller ihm gar nicht sagen könnten, wann er welche Produkte zu welchem Preis bekommen würde – das sei ihm zu ungewiss.

Große Filialketten haben einen Vorteil

Die Stimmung in der Branche ist angespannt. Little John Bikes ist mit 50 Filialen einer der größten Fahrradeinzelhändler in Deutschland. Auch sie haben mit längeren Lieferzeiten zu kämpfen, sitzen bei den Herstellern aber am längeren Hebel. „Wir haben einen höheren Warenbestand als traditionelle Fahrradgeschäfte“, erklärt Felix Natuschke, Projektmanager im Marketing. So könne man die Kunden trotzdem bedienen. 

Die anhaltend hohe Nachfrage ist Fluch und Segen zugleich. Daniel Tietz findet aber: „Mir wäre es lieber gewesen, der Boom wäre nicht gekommen.“ Denn das Loch, das entstanden ist, sei größer als der Boom. „Wir könnten so viel wie noch nie verkaufen, aber sind ausgebremst, weil es keine Ware gibt. Wir werden regelrecht an unserer Arbeit gehindert.“

Lerneffekt und Lösungen

Rund eine Stunde dauert es, ein Fahrrad von Klingel bis Kette zu prüfen. Zum Schluss drückt der Mechaniker nochmal die Handbremse, nimmt dann das polierte Rad vom Sockel und schiebt es raus in den kleinen Hinterhof, wo es neben anderen Rädern auf seine Abholung wartet.

„Radsport-Tietz“ hat aus den Erfahrungen im Jahr 2020 gelernt. Nun bestellt er alles weit im Voraus, und zwar mehr als normalerweise gebraucht. Wenn er doch mal gewisse Produkte zu oft da haben sollte, verursache das „ein beruhigendes Gefühl“. Er lächelt. Optimistisch ist er grundsätzlich. Dass er in Zukunft fast keine Räder mehr verkaufen wird, mache ihm keine Sorgen. Stattdessen würde er zum Beispiel mehr Gebrauchträder aufmöbeln. Und der Verleih bleibt ihm auch noch: In der Garage nebenan stehen über 30 Räder für Ausflügler bereit. „Ich bin flexibel genug, dass ich mir neue Dinge einfallen lasse“, sagt er und dreht sich zum Eingang; die nächste Kundin läutet an der Tür.

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