Kaleidoskop aus Beton

Michi Kern haucht leerstehenden Flächen neues Leben ein, zuletzt verwandelte er ein Betonwerk in ein Kulturquartier. Das Ergebnis strahlt Kunst und Leichtigkeit aus, doch dahinter stecken in Wahrheit viel Papierkram, Auflagen und Genehmigungen.

Basketbälle wummern wie zu lauter Regen auf dem Boden, die Geräusche prallen wie einzelne Tropfen von den Betonwänden rings herum ab. Nebenan tapsen kleine Kinderfüße durch eine Pfütze, von dort mischt sich Kinderlachen mit dem Hall der Bälle. In der Nähe ragt eine Wand mit vielen bunten Griffen empor, an denen sich gerade ein Mann mit langen Rasterzöpfen emporschwingt. Die weniger Aktiven sitzen nebenan bei Drinks und Sandwiches in Strandstühlen und können dem bunten Treiben zuschauen.

Leben statt Leerstand

Das „Sugar Mountain“ ist ein Ort wie ein Kaleidoskop – dabei sah es hier vor ein paar Monaten noch komplett anders aus. Das Areal war bis vor Kurzem noch ein Betonwerk, das in einen Kultur- und Veranstaltungsort verwandelt wurde. Sein neues Leben verdankt der Platz in Obersendling einem Münchner, der nur ein Stückchen weiter aufwuchs: Michi Kern.

Kern, 54 Jahre alt, hat schon mehr als zwanzig solcher Projekte gestaltet. Was für die Besucher Farbe und Vielfalt ausstrahlt, ist für Michi Kern mühevolle Arbeit. Und vor allem eins: Papierkram.

Aufgewachsen in Sendling erlebte er eine Kindheit, in der seine Stadt Kindern noch nicht allzu viel zu bieten hatte. Immerhin: Seine Mutter war Sonderschullehrerin und Marionettengestalterin, so kam er Zuhause auch mit Kunst in Berührung. Nach seiner eher durchwachsenen Schulzeit verfestigte sich sein Interesse für Kultur, Veranstaltungen und Gastronomie, sodass er dort sein Glück suchte.

Vom Spüler zum Veranstalter

Er fing als Spüler an, wurde schnell zum Türsteher eines Clubs und arbeitete schon bald Seite an Seite mit den Größen der Münchner Veranstaltungs- und Kulturszene, wie Wolfgang Nöth. Es folgten namhafte Gaststätten, Clubs und Cafés. Das “Café Reitschule”, das Ausbildungsrestaurant „Röckl“ und der Club „8Seasons“.

Michi Kern erzählt, er habe seine Karriere nie geplant. Und er verstehe auch nicht, wie die jüngere Generation so versessen darauf sein könne. Kern ist einer, der sich zu seinen Ideen treiben lässt. Hinter den Kulissen sieht das oft anders aus als anfangs gedacht.

Kontrastreiches Arbeiten

Für einen Kulturliebhaber wie ihn ist sein Büro in dem roten Backsteinhaus ziemlich kahl. An den Wänden hängen keine Bilder, dunkle Ordner füllen schlichte weiße Regale an den Wänden. Auf dem Holzschreibtisch vor Michi Kern liegt eine lange Liste, auf der seine Firmen durchnummeriert sind. Daneben ein paar Snacktüten, eine Spezidose und eine Menge Unterlagen für die Projekte. Das ist die Realität, der sich Michi Kern jeden Tag stellen muss: Auflagen, Verordnungen und Bürokratie prägen sein Leben als Kunst-Ermöglicher. Bis ein Ort wie das “Sugar Mountain” eröffnen kann, schlägt sich Kern vor allem mit Baugenehmigungen, Hygienevorschriften und Brandschutz herum.

Zu Tode erschöpft und trotzdem geht es weiter

„Ich bin eigentlich dann, wenn die Dinge aufmachen, fertig, dann bin ich zu Tode erschöpft. Und dann soll’s aber losgehen”, sagt Mich Kern: “Dann wird’s ja erst interessant.“ Die Leute könnten auch die Arbeit, die beispielsweise hinter dem Sugar Mountain stecke, gar nicht wirklich honorieren. Es gebe niemanden, der auf ihn zukomme und sage: “Ja Mensch, diese Halle, den Brandschutz, den hat er jetzt wieder toll gemacht, irgendwie und die Notausgangsleuchten, genau an der richtigen Stelle. Wahnsinnsleistung!“

Die Prozesse sind außerdem selbst für ihn und sein Team kaum zu bewältigen. Man könne nichts im Vorhinein planen, sagt Kern: „In dem Prozess entwickeln sich ganz viele Dinge.” Es sei alles ergebnisoffen: “Du fängst es eigentlich nur an und dann trittst du eine Lawine los.“ Am Anfang stehe nur diese eine Idee – so wie beim Sugar Mountain: “Ich mach jetzt etwas aus diesem etwas ollen, total schmutzigen Betonwerk.“

Und dann, viele Monate später, ist aus dem grauen Beton irgendwann dieses Kaleidoskop der Möglichkeiten entstanden, hat der zuvor tote Ort plötzlich wieder eine Funktion – und Michi Kern schon die nächste Idee.

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