Hannover denkt an morgen

Viele Innenstädte in Deutschland kämpfen mit Leerständen, gelten als tot. Hannovers Zentrum dazu als langweilig. Fünf Menschen aus Niedersachsens Landeshauptstadt sind überzeugt, dass das nicht so bleiben muss.

Martin Prenzler, Citygemeinschaft Hannover

„Ich nenne das Tütenblick. Der gibt einen guten Eindruck, wie erfolgreich der Tag ist“, sagt Martin Prenzler, als sein Blick auf die Einkaufstaschen zweier Frauen fällt. Prenzler ist Geschäftsführer der Citygemeinschaft – einem Verein mit Mitgliedern aus Handel, Wirtschaft und Gastronomie. Einmal am Tag geht er durch die Stadt, möglichst zu verschiedenen Zeiten. Heute trägt er aufgerollte Plakate unter dem Arm und verteilt sie weiter, sie werben für den verkaufsoffenen Sonntag in der kommenden Woche.

Das Sterben der Innenstädte sei ein großes Thema, sagt Prenzler. Hannover stehe aber immer noch gut da. „Wir haben eine Angebotsvielfalt, die ihresgleichen sucht in Norddeutschland.“ Die Stadt sei kompakter aufgebaut als viele andere. Dennoch führt sein Spaziergang immer wieder an leerstehenden Geschäften vorbei.

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Die Toplagen, sagt Prenzler, als er am Kröpcke steht, wo sich die Haupteinkaufsstraßen der Stadt kreuzen, würden weiter vom Handel dominiert bleiben – nicht von Wohnungen oder Gastronomie. Er sieht seinen Verein als Impulsgeber.

„Natürlich bringt jeder Leerstand Probleme mit sich. Aber ich bin sehr, sehr entspannt, weil ich sehe, dass da immer wieder etwas nachkommt.“ Der Handel setze mehr und mehr auf Erlebnisse beim Einkaufen. Was er biete, zeige sich an der Parfümerie, die seine Frau in der Innenstadt führt: „1871 haben wir schon geliefert. Da ist der ‚Stift‘ mit dem Fahrrad zum Bürgermeister gefahren und hat das Rasierwasser auf den Schreibtisch gestellt.“

Ronald Clark, Roof Walks

„Das hier ist einer der faszinierendsten Blicke in ganz Hannover“, sagt Ronald Clark, „aber das kriegt keiner in der Stadt mit.“ Clark, der bis vor zwei Monaten Direktor der Herrenhäuser Gärten war, steht auf dem Dach des Parkhauses an der Schmiedestraße. Sie markiert in Hannover den Übergang von Vor- zu Nachkriegsgebäuden. Clark deutet auf verschiedene Sehenswürdigkeiten: das Nord-LB-Hochhaus, die Marktkirche, den Steintorplatz, die Altstadtkirchen, das Leibnizhaus.

Lediglich ein blaues Cabrio steht auf dem Dach des Parkhauses. Doch nicht nur weil hier so viel Platz ist, will Clark den Park im Gebäudenamen etwas wörtlicher nehmen. Seine Philosophie: Die Welt als Garten – Nachhaltigkeit mit Ästhetik vereint. Seine Vision für die Hannovers City: Ein grün gefärbter Google-Maps-Blick statt 200.000 Quadratmeter ungenutzter, grauer Dächer. Artenvielfalt, Himmelsschaukeln, Spielplätze. Brücken und Wege, die die Dächer verbinden und die Stadt von oben erlebbar machen – sogenannte Roof Walks. Dazu vielleicht noch Sessellifte. Das Projekt kam ihm 2017 in den Sinn, als er Ideen zu Hannovers Kulturhauptstadtbewerbung beisteuern wollte. Die Roof Walks bringen, so Clarks Hoffnung, wieder mehr Leben und Aufenthaltsmöglichkeit in die Innenstadt. Sie können zu einem Alleinstellungsmerkmal und Touristenmagneten werden, aber auch Flächenversiegelung, zunehmender Hitze und Starkregen entgegenwirken.

Ein bisschen Größenwahn müsse sein, sagt er immer wieder. „Ich setze mich zu Hause hin, lehne mich ein bisschen zurück, dann summen die Bienen und dann kommen die Gedanken.“ Die Realität hole den Wahn ohnehin ein. „Aber wer klein anfängt, endet winzig.“ Die politische Begeisterung für sein Projekt habe erst Fahrt aufgenommen, nachdem er Entwurfsbilder in Auftrag gegeben hatte und diese in den Medien erschienen. Inzwischen hat die Stadt ihr Parkhausdach an der Schmiedestraße zum Pilotprojekt ernannt. Bis 2025 soll der Parkplatz hier einem Dachgarten weichen. Der Bund steuert dafür 2,7 Millionen Euro bei, die Stadt Hannover 300.000 Euro. Ob die Menschen in Hannover eines Tages tatsächlich von hier aus zu anderen Dächern laufen können, ist derweil offen. Clark meint: Wenn sie sich erstmal im fertigen Dachgarten aufhalten, werden sie sich das wünschen.

Heiko Heybey, Leinewelle

Heiko Heybey beugt sich über das rote Geländer am Hohen Ufer und mustert jeden Winkel der Baustelle, die sich einige Meter tiefer mitten in der Leine befindet. Wo normalerweise der Fluss fließt, befindet sich gerade größtenteils eine Kiesfläche. Ein Gabelstapler transportiert Rohre hin und her, ein zweites Fahrzeug bohrt Löcher für Grundwasserpumpen. Bald will Heybey hier surfen, eine Rampe soll dafür eine Welle im Fluss erzeugen. Seit 2013 plant der Gastronom, Architekt und Ur-Hannoveraner die sogenannte Leinewelle am Rand der Innenstadt. Erst im vergangenen Jahr durfte der Bau beginnen. Vereinsmitglieder und Unternehmen sollen sie finanzieren, rund 1,5 Millionen Euro kostet der Bau nach bisherigen Schätzungen – die Welle kommt damit ohne Geld der Politik aus.

Der Vorher-nachher-Vergleich: Bild anklicken und Schieberegler bedienen (Grafik: Cityförster).

Heiko Heybey wünscht seiner Stadt mehr Mut von Fachleuten – und hält Bürgerdialog für hinderlich. „Wir brauchen Visionäre, die auch gegen Widerstände den Arsch in der Hose haben, gute Ideen zu erkennen und die eine Million Bundestrainer einfach mal zu ignorieren.“ Städte wie Barcelona, Kopenhagen und Paris zeigten längst, was funktioniere. Einzelhandel sei nur noch für besondere Bedürfnisse interessant. Dagegen brauche es in der Innenstadt mehr Gastronomie, auch Wohnungen.

Die Welle werde als Ausflugsziel auch Menschen in die Innenstadt locken, zum Surfen und zum Zuschauen. Wer surfen wolle, müsse nicht mehr weit reisen. Politik und Handel dürften nicht erwarten, dass die Leinewelle die wirtschaftlichen Probleme der Innenstadt löse. Diese seien absehbar gewesen. Corona dürfe keine Ausrede für schlechte Konzepte sein: „Es stirbt der Handel, der eh stirbt.“

Ari Berzenjie, BLVRD-App

Ein Paar schwarzer Reebok Classic mit Gum-Sohle, die er sofort tragen will, aber nicht sofort tragen kann, haben den Unternehmergeist in Ari Berzenjie geweckt. „Die waren damals noch cool“, sagt Berzenjie mit Blick auf einen Tag im Jahr 2010, an dem er die Schuhe online entdeckt und sofort haben möchte. Er fährt in die Innenstadt von Hannover, sucht alle Läden danach ab, findet sie nicht. „Dann stand ich vorm Hauptbahnhof mit Kopfschmerzen und dachte, das kann nicht sein.“ Mit einem Entwicklerteam hat Berzenjie heute die App BLVRD (Boulevard gesprochen) entwickelt, die ihm damals hätte helfen können: „Wir sind quasi die erste Suchmaschine für lokale Mode in den Großstädten“, sagt der Hannoveraner.

Wer die App nutzt, sieht, welche Artikel in welchen Geschäften vorhanden sind – aktuell fünf Shops in Hannover. Die App zeigt laut Berzenjie 300.000 Artikel an. Rund 15.000 Menschen nutzen sie in Hamburg und Hannover. Das Team will sie demnächst für München, Düsseldorf, Köln und Osnabrück anbieten. Für jeden Klick bekommt Berzenjies Unternehmen Geld von den Händlern.

Die App solle weder den Online-Handel verdrängen noch allein die Probleme des Einzelhandels lösen. Betriebe müssten die Digitalisierung ihrer Ware zu Ende denken. Und Menschen wollten Mode sehen, fühlen und erleben. Außerdem seien die Retourenquoten im Online-Handel „absurd hoch“, bei mehr als 50 Prozent.

Berzenjie erhofft sich von Hannovers Innenstadt in Zukunft mehr Individualität – zum Beispiel mit Hipster-Stores, die von der Stadt Mietsubventionen erhalten könnten. Sein Appell an die Stadtgesellschaft: „Wir haben eine wunderschöne Stadt und könnten echt was daraus machen, wenn wir uns ein bisschen mehr trauen.“

Dilek Ruf, Architektin

Am Raschplatz hinter dem Hauptbahnhof bleibt Dilek Ruf einen Moment stehen. Weitläufige Treppen führen hinunter auf den leeren Platz. Ein paar Menschen sitzen auf den Stufen oder stehen davor, viele tragen abgenutzte Kleidung und trinken Alkohol. Der Platz sei eine der größten Herausforderungen von Hannover, sagt die Architektin – und ein gutes Beispiel für zu lange Prozesse im Bau- und Planungsrecht. Ursprünglich sollte er zum Treffpunkt und Ort für Open-Air-Kinos umgestaltet werden, dann kam das Love-Parade-Unglück. „Plötzlich war das Konzept eigentlich tot.“

Insgesamt sei Hannover eine Stadt mit vielen Stärken, sagt Ruf, die 2007 aus Frankfurt hierherzog und sich als Vorsitzende des Bunds Deutscher Architektinnen und Architekten für Hannover und Niedersachen mit dem Wandel der Innenstädte beschäftigt. Hannover sei eine familiäre und durchmischte Stadt. Die Wege seien kurz, die Bürger zufrieden. Sie auch: „Das ist mein Zuhause. Ich mag die Stadt, ich mag die Leute und die Mentalität.“ Besonders intakt ist aus ihrer Sicht die hannoversche Altstadt mit Gastronomie und kleinteiligen Strukturen.

In den Städten der Zukunft erwartet sie statt einzelner Bereiche für einzelne Branchen mehr Durchmischung – auch in den Innenstädten könne sich alles ansiedeln: „Gastronomie, Handel, Wohnen, Büros, Universitäten, Sport, Kultureinrichtungen und und und.“ Außerdem gehe es darum, leerstehende Gebäude weiter zu nutzen statt abzureißen. Der stationäre Handel werde nicht durch den Online-Handel verdrängt. Es gebe Bedarf für beides, sagt sie und zeigt auf eine Zalando-Filiale. Nicht nur der Online-Handel entziehe den Innenstädten Kaufkraft, sondern auch Malls und Outlet-Center in der Peripherie.

Trotz verschwimmender Grenzen wird jede Stadt ihr Zentrum behalten, prognostiziert Ruf. Die Innenstadt sei ein Ort, an dem die unterschiedlichsten Biografien aufeinanderträfen. „Das ist ein sehr altes Bedürfnis, so wie es irgendwann der Dorfplatz und der Kirchplatz waren“, sagt Dilek. „Wir sind nicht Hamburg und das ist auch in Ordnung. Und Berlin ist eben auch nicht New York.“