Es riecht nach Heimat

Mangobutter und Zitronengrasextrakt: Eine Berliner Firma gibt an, einen Großteil ihres Profits an afrikanische Produzenten weiterzureichen. Düfte dekolonisieren, nennt sie das.

Der Geruch von Weihrauch und Pinie legt sich um die Marktstände am Maybachufer. Ein Zwinkern, ein Grinsen, ein Winken und auf einmal ist man inmitten einer Duftwolke aus ätherischen Ölen. Der Verkaufstisch ist voll mit kleinen bunten Holz- und Glasbehältern, gefüllt mit Sheabutter oder puren Extrakten aus Rosmarin und Jasmin. Ein Verkäufer preist seine Lieblingswaren an, tropft die erdtonfarbenen Flüssigkeiten auf die Handgelenke der Passanten. Die Haut riecht plötzlich nach Berliner Luft, reinem Minzextrakt.

Ifeanyi Kingsley Nwabor hilft am Stand der 1000 Düfte aus. Hinter der Marke steckt jedoch Francis Molokwu, der sich an jenem Tag eher im Hintergrund hält. Vor rund fünf Jahren gründete der 35-Jährige das Unternehmen „Enyi“. 2016 kam er aus Nigeria zum Studieren nach Hannover. Dort machte er einen Master in optischen Technologien. Doch Molokwu entschied sich für einen Weg abseits der klassischen Karriereleiter. Seit zwei Jahren lebt er nun in Berlin. Seine Idee, die reinen Düfte des globalen Südens abseits der üblichen Wertschöpfungsketten nach Europa zu bringen, habe ihn in die Hauptstadt gezogen.

Am Tag darauf verkauft Francis Molokwu seine Düfte auf dem Boxhagener Platz. Regentropfen prasseln auf das Planendach des Marktstandes. Eine Handvoll Menschen huscht unter dem Schutz von Regenschirmen zwischen den Ständen. Molokwu ist trotz des Regens da, so wie jeden Samstag. Systematisch ordnet er Dosen voller Mangobutter nebeneinander an. Während er auspackt, erzählt er von seinen fünf Geschwistern, die alle noch in Nigeria leben. Er sei als Einziger der Familie ins Ausland gegangen. „Mit gutem Beispiel“ wolle er vorangehen. Nicht nur für seine Geschwister, sondern für die gesamte afrikanische Diaspora. „Mir gefällt die Vorstellung, dass Afrikaner und Afrikanerinnen selbstständige Unternehmer sind“, erzählt Molokwu.

Die heimische Community unterstützen, das sei Molokwus Herzensthema. 2021 gab er dafür seine technische Laufbahn auf und gründete „Enyi“. Im ersten Anlauf plante er, eine Plattform zu schaffen, die es lokalen Händlern aus Afrika ermöglicht, ihre Produkte selbstständig in Europa anzubieten. Doch die hohen Lagerkosten machten Molokwu einen Strich durch die Rechnung. 2024 entdeckte er dann die Duftnische für sich. „Düfte sind der beste Weg, um Erinnerungen zu schaffen“, sagt er. Seine Produkte sollen ein Stück seiner Heimat auf direktem Wege nach Berlin bringen. „Dekolonialisieren“ der Düfte, so bezeichnet er sein Vorhaben. Molokwu sagt, er wolle die Extrakte wieder für sich und seine Community beanspruchen. Dank persönlicher Kontakte zu heimischen Produzenten könne Molokwu westliche Lieferketten umgehen, sagt er. Dadurch sei es ihm möglich, 60 Prozent des Profits an die lokalen Händler weiterzureichen. Die hart erkämpfte Unabhängigkeit birgt jedoch auch Risiken: Einmal, so erzählt Molokwu, habe er „Enyi“ wegen Lieferproblemen fast schließen müssen.

Und doch riecht man seinen Stand weiterhin jedes Wochenende auf den Berliner Märkten. Obwohl sein aktivistischer Instagram-Account mit mehr als 300.000 Followern seinem Online-Shop eine große Bühne bietet, ist es genau dieser Stand, der ihm den Hauptumsatz bringt. Irgendwann will er mit den Einnahmen ein Wellnesscenter eröffnen. Ein Ort, an dem man meditieren und vor allem seine Düfte einatmen kann. Und einer ist ihm dabei besonders wichtig: Zitronengras aus Nigeria.

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