„Es kostet mehr Energie, sich sein Leben lang zu verstecken“
Roland Müller-Flashar führt seit fast vier Jahrzehnten Eisenherz – den ersten schwulen Buchladen Deutschlands. Auch nach dem Anschlag auf den CSD ermutigt er Menschen, offen queer zu leben.
Als zwei Männer seinen Laden betreten, begrüßt Roland Müller-Flashar sie sofort mit einem freundlichen Lächeln. Er kennt sie längst, denn sie sind Stammkunden. Heute sind sie hier, um ein Buch abzuholen, das sie bestellt haben. Und um zu stöbern, zwischen den Stapeln an queeren Büchern, die hier auf Tischen oder in Regalen liegen. Dazwischen stehen bequeme Sessel, überall hängen Regenbogenflaggen. Runde Deckenlampen tauchen den Raum in warmes Licht.
Roland Müller-Flashar liebt seinen Laden. Seit 1988 ist er einer der Geschäftsführer der Buchhandlung „Eisenherz“, der ersten schwulen Buchhandlung in Deutschland. Den Begriff „queer“ nutzte bei ihrer Gründung noch niemand, sagt Müller-Flashar, der 1987 von Düsseldorf nach Berlin gezogen ist. „Die Menschen haben nur schwul, lesbisch, trans oder bisexuell gesagt“, sagt er. „Als schwuler Mann habe ich sogar erlebt, dass andere schwule und lesbische Personen getrennt oder zerstritten waren.“ Heute sei das oft anders. Und die Buchhandlung widmet sich mittlerweile allgemein queeren Themen. Viele Menschen kommen extra in den Schöneberger Regenbogenkiez.
„Oft kommen Touristinnen und Touristen hierher und haben Tränen in den Augen“, sagt Müller-Flashar. „Sie sind einfach so gerührt, dass es hier einen sicheren Raum für queere Menschen gibt.“ Das sei besonders wichtig in Zeiten wie diesen, in denen es immer mehr Hass und Gewalt gegen queere Menschen gibt. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht, zeigt ein Lagebild des Bundeskriminalamts. „Leider muss man in diesen Zeiten beinahe mit Gewalt gegen queere Menschen rechnen“, sagt er. Er fahre lieber Fahrrad, als zu Fuß zu gehen, weil sich das sicherer anfühle.
„Besonders seit dem Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin im Juli steht die Community unter Schock“, sagt Müller-Flashar. Immerhin hätten sich viele Menschen aus aller Welt bei ihm gemeldet, um Glück und Gesundheit zu wünschen. „Viele heterosexuelle Freunde oder Familie aber haben sich gar nicht erkundigt, wie es uns geht.“
Von der Gesellschaft und der Politik wünsche sich Müller-Flashar mehr Unterstützung für die queere Community. Viele Reaktionen auf den Anschlag etwa habe er als halbherzig wahrgenommen. „Da ist es mir fast lieber, man äußert sich gar nicht.“ Er wünsche sich von Menschen, die die queere Szene nicht kennen, vor allem eines: Respekt.
Mut zu haben, offen queer in Berlin zu leben, empfehle er trotzdem allen in seiner Community. „Es kostet mehr Energie, sich sein Leben lang zu verstecken“, sagt Müller-Flashar. Und genau diese Offenheit sei es, für die er mit seiner Arbeit kämpfe. Jeden Tag, wenn Menschen seinen Laden betreten. Er gibt den beiden Stammkunden ihre Bestellung, verabschiedet sie wieder mit einem Lächeln. Bis gleich schon die Nächsten kommen, denen die Pride-Flagge den Weg in den Laden weist.