Eine Frage von Mut

Vor 35 Jahren wurde die Ukraine ein unabhängiges Land. Zwei Ukrainerinnen blicken auf ihr Heimatland – und darauf, wie der russische Angriffskrieg ihren Blick auf Freiheit verändert hat.

„2014 war ein Offenbarungsmoment“, sagt die ukrainische Künstlerin Viktoriia Temnova. Sie blickt für einige Sekunden in Richtung der Straße, die der Regen dunkel gefärbt hat. Sie sitzt vor dem, wie sie es nennt, „einzig guten Café in dieser Gegend“. Hier im Soldiner Kiez in Wedding ist an diesem Morgen noch nicht viel los. Wegen des Regens ist nur ihr Tisch auf der Terrasse besetzt.

Temnova ist Künstlerin und Fotografin. Ihre Arbeiten erschienen in den Modezeitschriften „Vogue Italia“, „Vogue Ukraine“ und der „Marie Claire“. Ihre Fotografien zeigen junge Menschen in aufwändiger Mode, sie entwickelt die unterschiedlichsten bunten Grafiken. Geboren wurde sie in Cherson. 2013 zog sie nach Kyjiw. Vor 2014 hatte sie oft nicht das Gefühl, dass sie in einem souveränen Land lebe. „Man schaute Putins Neujahrsansprache, ukrainische und russische Fernsehsender liefen nebeneinander“, sagt sie. „Es war nicht klar, wo das andere Land aufhört und wo die eigene Kultur und Sprache beginnt.“ ​​Erst mit der russischen Annexion der Krim und dem Krieg im Donbas habe sie verstanden, dass die Ukraine als eigenständiges Land in ihrer Freiheit bedroht ist. Nach dem russischen Großangriff 2022 kam sie dann nach Berlin.

Über die bedrohte Freiheit spricht auch Alina Sarazhyn, 29, einige Stunden zuvor am Telefon. Sarazhyn kommt ursprünglich aus Poltawa in der Zentralukraine, seit 2022 lebt sie in Deutschland. Hier arbeitet sie inzwischen als Assistentin in der Personalabteilung einer Baufirma. Die Entwicklung der Ukraine sei für sie mit zwei großen Fragen verbunden, sagt sie. Als das Land sich 1991 unabhängig von der Sowjetunion erklärte, habe die Ukraine zunächst die Frage beantworten müssen: Kann sie als eigener Staat existieren? „Das ob“, so nennt Sarazhyn diese Frage. Die zweite Frage sei erst 2014 in den Mittelpunkt gerückt: „Wir haben uns gefragt: Wie wollen wir sein?“

Doch bevor das Land überhaupt Zeit hatte, diese beiden Fragen zu beantworten, griff 2022 Russland die Ukraine an. „Darf das Land überhaupt weiter bestehen?“ Diese Frage habe sich dann in besonderem Maße gestellt, sagt Sarazhyn. „Der Krieg ist einer von vielen Schritten, um die eigene Souveränität zu verteidigen. Er ist mit Abstand der schwerste und der teuerste.“

Cherson, die Heimatstadt der Künstlerin Viktoriia Temnova, stand acht Monate unter russischer Besatzung. Es kam zu Verhaftungen, Folter und Versuchen, die Region zu russifizieren. Die Stadt wurde zwar wieder von der ukrainischen Armee zurückerobert, ist aber immer noch in der Nähe der Front. 2023 wurde der Kachowka-Staudamm an Dnepr zerstört und Teile von Cherson geflutet. Temnova glaubt nicht, dass sie bald in ihre Heimatstadt zurückkehren kann. Stattdessen hilft sie von Deutschland aus weiter: Sie ist in einem Verein namens Bravery – Mut – und organisiert Flohmärkte, auf denen es auch Konzerte und Kunst gibt. Die Einnahmen werden dazu genutzt, Evakuierungsfahrzeuge und Hilfsgüter in die Ukraine zu bringen.

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