Der springende Punkt

Kein Training, keine Spiele, keine Chance – Basketballtalent Zoe Perlick wollte dieses Jahr eigentlich in der Nachwuchs-Bundesliga angreifen. Doch Corona nimmt ihr diese Chance und zwingt sie, sich vorerst zwischen ihren schulischen Leistungen und dem Basketball zu entscheiden.

Dunkle Erde klebt an dem nassen, rot-blauen Basketball, den Zoe Perlick gerade durchs Fenster in die Küche ihrer Mutter zugeworfen hat. “Machst du den einmal sauber?” Der Ball hat zuletzt einige Zeit im Garten verbracht, unbenutzt. “Möchtest du nicht lieber deinen anderen Ball nehmen?” Zoe überlegt kurz, antwortet dann: “Ich weiß gar nicht mehr, wo der ist.” Nach Neujahr war sie kein einziges Mal mehr beim Training in der Halle, hat sogar nur selten auf dem Freiplatz oder im Garten auf den Korb geworfen.

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Zoe Perlick ist Spielerin der Junior Panthers Osnabrück in der Weiblichen-Nachwuchs-Bundesliga (WNBL). Sie ist 17 Jahre alt, Jahrgang 2003, und gehört so zum ältesten Jahrgang in der höchsten Jugendliga. Seit November ruht der Spielbetrieb. Und auch in der zweiten Bundesliga, wo Zoe sonst noch spielt, hat sie keine Halle mehr betreten. Dort wird im Gegensatz zur WNBL im Moment aber gespielt – nur ohne Zoe. „Einfach war die Entscheidung dazu auf gar keinen Fall“, betont sie. Vor allem wollte sie keine Quarantäne riskieren, um nicht zwei Wochen lang in der Schule zu fehlen, wo seit Ende Januar wieder Präsenzbetrieb herrscht. Im nächsten Jahr will sie ihr Abitur machen.

Ausgerechnet die letzte Jugendsaison

Heute ist Zoe seit langem mal wieder auf dem Freiplatz, um ein paar Körbe zu werfen. Kaum steigt sie aus dem Auto, beginnt sie zu dribbeln und mit dem Ball zu spielen. Sie wirft ihn zwischen ihren Fingern hin und her, macht einige lockere Handwechsel und geht sofort zum Korbleger hoch, als sie am Korb angelangt ist.

Routine fehle ihr am meisten, sagt Zoe. „Man kann Basketballtraining einfach nicht imitieren. Egal ob man laufen oder auf den Freiplatz geht, es ist nicht das gleiche, wie wenn man einen Trainer dabei hat und an etwas arbeitet”, sagt Zoe. „Es ist ja schon so, dass ich nicht wenig Zeit in der Halle verbracht habe, und dann ist es jetzt irgendwie komisch, wenn man nachmittags plötzlich so viel Zeit hat.“

In einer Saison, die so verlaufen wäre, wie sie es sich zu Beginn im September noch gewünscht hatte, säße Zoe Perlick jetzt im ICE. Ihre Mutter hätte sie nach der letzten Stunde an der Schule abgeholt, während der ungefähr zehnminütigen Fahrt zum Bahnhof hätte Zoe das mitgebrachte Essen heruntergeschlungen. Im Zug wäre Zoe von Hagen nach Osnabrück gefahren – mit dem ICE eine Strecke von circa anderthalb Stunden. Dort hätte sie anderthalb Stunden Teamtraining gehabt, manchmal mit einer weiteren Stunde Individualtraining vorher oder nachher. Den Rückweg hätte Zoe für Hausaufgaben genutzt, bevor sie gegen elf Uhr abends zuhause angekommen wäre.

Stattdessen steht sie diesen Herbst auf einem Freiplatz in Hagen. Wenn sie darüber redet, was diese Saison besonders macht und was ihr Corona nimmt, wird ihre Stimme etwas lauter und entschiedener, sie spricht schneller: „Es ist eben die letzte Saison, das letzte Jahr Jugend, und es ist einfach ein ganz klarer Unterschied zwischen Jugend und Damen.“ Zoe muss sich entscheiden: Worauf fokussiere ich mich? Schule oder Basketball?

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Zoe hat schon früh mit Basketball angefangen, Anfang 2011 war sie mit sieben Jahren zum ersten Mal in einem Camp des TSV Hagen 1860 – da war sie gerade in der zweiten Klasse. Meist spielte sie in den ersten Mannschaften und trainierte schon früh bei den Älteren mit. Bis sie schließlich in den Landeskader aufgenommen wurde. „Die Rolle, die ich in der U15-Nationalmannschaft getragen habe und dass ich es dahin geschafft habe, war individuell mein größter Erfolg“, sagt sie rückblickend.

Seit sie 14 ist, spielt sie in der WNBL. Für die Saison 2020/21 wechselte sie zu den Junior Panthers Osnabrück, um dort möglichst noch ein letztes Mal in der weiblichen Nachwuchsbundesliga der Mädchen anzugreifen. Außerdem spielte Zoe schon mit 16 in der zweiten Liga bei den Seniorinnen mit. Sie stand dort im Schnitt 17 Minuten von 40 auf  dem Feld – ein sehr guter Wert für die erste Saison auf diesem Niveau.

Ungewisse Zukunft

Zoe weiß noch nicht, wie es weitergeht. Es gibt mehrere Szenarien. Zoe hat ein Angebot aus Osnabrück, dort in der zweiten Liga zu spielen und in der ersten Liga mitzutrainieren. Alternativ könnte sie aber auch in Hagen wieder in der Damen-Regionalliga spielen. Sie kennt das Team, die Trainings wären besser mit den Abi-Vorbereitungen vereinbar.

Sie ist noch unentschlossen, fragt sich: Ist es sicherer, in der zweiten Liga in Osnabrück zu spielen, da dort mit Corona der Spielbetrieb länger aufrechterhalten wird? Und was kommt dann wohl nach diesem letzten Schuljahr, nach dem Abitur? Bleibt sie in der Region, spielt in Hagen und spart sich die Risiken der Zugfahrt? Oder was ganz anderes?

Vielleicht sollte man die Situation als Chance sehen, überlegt sie noch kurz. Sie würde aber lügen, wenn sie sagen würde, sie sähe das immer so – eher ist es das Gegenteil: „Grundlegend ist die Situation halt frustrierend, das ist einfach so. Man kann nichts machen, es gibt diesen Faktor der Ungewissheit: Wann ist es zu Ende, wann ist sowas wie eine Normalität erreicht, das weiß halt einfach keiner.“

Ernstes Training kaum möglich

Zur aktuellen Situation in der WNBL erklärt die Referentin für Jugendsport beim Deutschen Basketball Bund (DBB), Petra Keldenich: „Aktuell ist die Saison ausgesetzt und noch nicht abgesagt.“ Es gebe noch keine weitere Entscheidung, wie die Saison beendet werde. Überlegungen, dem Jahrgang 2003 ein weiteres WNBL-Jahr durch eine Jahrgangsverschiebung zu ermöglichen, gebe es derzeit nicht.

Der Ball fliegt Richtung Korb, geht berührungslos durch den Ring. In die Schusslinie des Balls fährt plötzlich ein Mädchen auf Inlinern, doch bremst zum Glück noch rechtzeitig ab. Zoe geht den Ball holen, ein kleiner Junge auf dem Freiplatz fährt sie dabei fast mit seinem Fahrrad um, sie springt erschrocken aus dem Weg. Überall ist Kindergeschrei zu hören, von irgendwo ertönt Musik aus einer Bluetooth-Box. Auf dem Basketballfeld auf einem Teil des Platzes ist da an ernstes Training nicht zu denken: Niemanden abwerfen und selbst nicht umgefahren werden ist hier die Devise.

Die Halle ist heiß

„Basketball ist eine extrem schöne Sportart“, sagt Zoe, „weil sie schnell ist und vielseitig und weil sie Köpfchen verlangt. Man hat nicht groß Zeit nachzudenken, weil man drin sein muss, handeln muss.“ Und was Basketball noch für sie ausmacht ist „auf jeden Fall Teamwork“: „Man kann noch so stolz darauf sein, wie gut man selbst ist, man wird dann trotzdem auf lange Sicht nicht weit kommen.“ Es sei nicht der Korb, den sie gerade getroffen hat, nicht die Bewegung, mit der sie gerade erfolgreich ihre Gegenspielerin getäuscht hat, sondern die Dynamik in der Halle, wenn ihr Team gerade einen Lauf hat und alles ineinander passt: „Wenn man eine gute Defense gehabt, die Uhr lange runtergebracht, einen Steal gemacht und daraus einen Fastbreak gespielt hat. Wenn man merkt, die Bank ist heiß, die Halle ist heiß, die Zuschauer – falls sie da sein dürfen – sind heiß. Dieses Momentum, was man mitnehmen kann; das fühlt sich einfach gut an.“

Ihr Ziel für die Jahre nach dem Abitur ist es, weiter Basketball zu spielen, Erfahrung zu sammeln, sich Minuten auf dem Feld zu sichern. Am liebsten in der zweiten Liga oder sogar höher. „Und nochmal für einen Lehrgang der Nationalmannschaft nominiert zu werden“, fügt sie hinzu. „Und mit dem Team – mal schauen, mit welchem Team – auch nochmal wirklich Erfolge zu feiern.“ Und Träume? WNBA, Basketball am College, A-Nationalmannschaft – das seien natürlich so Sachen, von denen man immer mal träumt und geträumt hat. „Aber wie realistisch das ist…“

Zuhause angekommen klingelt Zoe an der Tür, ihr kleiner Bruder öffnet in Socken. Zoe drückt ihm den Ball in die Hand. “Bringst du den in den Garten?” Ihr Bruder murrt, macht sich aber auf den Weg. Der Ball liegt jetzt wieder im Garten hinter dem Haus auf den Steinplatten, bis er das nächste Mal gebraucht wird.