Der Schneider, der bleibt
Als Jugendlicher floh er aus Afghanistan nach Deutschland. Warum der mittlerweile als Schneider tätige trotz ungewisser Zukunft an seinem Beruf festhält.
Der Geruch von warmem Wasserdampf schwebt im Raum. Präzise gleitet der Stoff entlang. Zack, nächster Schritt. Viele Nähmaschinen, ein Bügeltisch und verstreute Stoffreste auf dem Boden. An der Wand hängt eine Auswahl von Garnrollen. Anders bei den Knöpfen: Der Faden wandert durch den Stoff hin und zurück bis alle drei Knöpfe angenäht sind. Obwohl er eine Maschine dafür hat, führt er dies lieber manuell aus, seine Lieblingsaufgabe.
Ali Mohammadi ist 32 Jahre alt und führt seit zwei Jahren seine eigene Maß- und Änderungsschneiderei in der Kölner Innenstadt. 2010 floh er aus Afghanistan nach Deutschland, machte hier seinen Schulabschluss und absolvierte seine Ausbildung zum Maßschneider. Als “von null an angefangen” beschreibt Mohammadi seinen Start in Deutschland. Er kommt aus einer Schneiderfamilie, in Afghanistan hat er schon genäht. Zwischen dem Schneiderhandwerk in Afghanistan und Deutschland erlebe er einen großen Unterschied. In seiner Heimat musste alles schnell von der Hand gehen, hier sei die Arbeit langsamer.
Auf dem Tisch liegt ein schwarzer Hochzeitsanzug. Mohmmadi stülpt den Ärmel über das Bügelkissen und beginnt wieder mit dem Bügeln. Zu seinen weiteren Kunden zählen oft Geschäftsleute und meistens aber ältere Leute. Den höheren Preis würden die Kunden vor allem für die Handarbeit hinter den fertigen Kleidungstücken zahlen. Hosen zu kürzen, ginge schnell, Schultern seien zeitaufwendiger. Die Schnittmuster an der Wand deuten auf die Vorlagen für seine maßgeschneiderten Anzüge hin.
Diese Anfertigungen kosten mehr als die ‘von der Stange’. Bisher ist seine Kundschaft bereit, die höheren Preise zu zahlen, doch Mohammadi hat zunehmend Probleme, diese Preise zu halten. Die Miete in Innenstadtlage sowie steigende Energiekosten machen ihm zu schaffen. Zu hoch ansetzen könne er seine Preise nicht, da er sonst Kundschaft verlieren würde. Auch jetzt kommt es teilweise vor, dass besonders bei jungen Leuten der Kostenvoranschlag das Budget übersteigt.
In seiner Branche sieht er ebenfalls weitere Probleme. Laut Handwerkskammer Köln schlossen 2024 nur 0,5 Prozent aller Auszubildenden in der Region eine Lehre in der Bekleidungsbranche ab. „Ausgestorben“, sagt er, wenn er über Ausbildungsmöglichkeiten für Nachwuchs spricht. Dabei mangelt es nicht an Kunden. Junge Leute interessierten sich wieder für Nachhaltigkeit und fragen zum Beispiel nach natürlichen Fasern. Seine Arbeit bereite ihm weiterhin viel Freude. Was ihn antreibt? „Dass die Kundschaft glücklich ist […] und sich wohlfühlt“. Sorgen um seine eigene Zukunft habe er nicht. Bis zur Rente sei er sicher, lacht er.