Aus der Schule in die Galerie

Arian Chyk ist zehn Jahre alt und Künstler. Seine Bilder verkauft er für bis zu 700 Euro. Durch die Pandemie kann er seine Kunst nur wenigen Menschen persönlich zeigen. Jetzt bereitet er sich auf eine Zeit ohne das Virus vor. Dabei sehen Experten Kinderkünstler kritisch.   

„Kommen sie ruhig herein“, ruft Arian Chyk einer älteren Dame zu, die interessiert in das Schaufenster der Galerie Kunstbruder in Köln guckt. „Wenn sie Fragen haben, hier ist der Künstler“, sagt der Zehnjährige grinsend und deutet mit seinen Daumen auf sich selbst. Dabei sitzt er lässig zurückgelehnt auf einem Sofa. Um ihn herum hängen bunte Bilder, auf denen Roboter, Tiere und Fahrzeuge zu sehen sind.

Der Junge liebt es, Besuchern seine Werke zu erklären. Seine Augen strahlen, wenn er gefragt wird, warum auf einem seiner Bilder „Ich mag Mathe“ steht. „Ich bin einfach gut darin. Hab gerade erst eine Eins geschrieben“, erklärt er dann. Die Aufmerksamkeit hat Arian zuletzt vermisst. Durch Corona hatte er seine letzte Ausstellung im September 2020. Weniger Menschen haben sich für seine Kunst interessiert. Eine Ausstellung in London musste abgesagt werden. „In letzter Zeit habe ich schon nicht so viel gemalt“, sagt er. Aber jetzt will er wieder richtig durchstarten. Gemeinsam mit seiner Mutter, die selbst Künstlerin ist, übt er zu zeichnen und verbringt wider mehr Zeit in der Galerie. Sprühdose und dicke, bunte Filzstifte gehören zu Arians Lieblingswerkzeugen. 

Für Arian ist Malen wie spielen

Ein Strichmännchen für die nächste Ausstellung   

Die Spraydose hält Arian mit beiden Händen fest. Vor ihm eine Leinwand, fast so groß wie er selbst. Er schüttelt die Dose kräftig und zieht seine Atemschutzmaske über Nase und Mund. Beim Sprayen bewegt sich Arians ganzer Körper und seine Hände zittern leicht. Gerade entsteht das Bild „Spinnenmensch“. Ein mehrarmiges, rotes Strichmännchen auf schwarzem Hintergrund. Ob das Bild bald in einer Ausstellung zu sehen sein wird, weiß Arian noch nicht. „Kann schon sein. Aber nur, wenn das blöde Corona bald weg ist“, sagt er.

Der „Spinnenmensch“ von Arian

Nach gut 30 Minuten legt Arian eine Pause ein. Bis ein Bild fertig ist, kann es auch mal zwei Monate dauern. „Es geht hier natürlich nicht darum, möglichst viele Bilder zu produzieren. Arian soll Spaß an der Sache haben“, sagt seine Mutter Diana Chyk. Der Wille, nach einer Corona-Pause wieder mehr zu malen, sei von ihm ausgegangen.

Nach den Sommerferien kommt er in die fünfte Klasse eines Kölner Gymnasiums. Außerdem spielt er gerne Gitarre, Tischtennis, Schach und möchte bald zum Kung-Fu. Auch die Kunst sei für ihn ein Hobby. „Für mich ist das eigentlich wie spielen“, sagt er. Und das soll auch so bleiben. Trotzdem wollen er und seine Mutter jetzt wieder mehr Zeit an der Leinwand verbringen. Diana Chyk gibt ihrem Sohn Tipps, wenn er danach fragt. So haben die beiden erst vor kurzem das Design für einen in Notenschlüsselform geschwungenen Flamingo entwickelt. Mittlerweile ist der Flamingo zu Arians Lieblingsmotiv geworden.  Ein Konzept, das der junge Künstler gerne auf seiner nächsten Ausstellung präsentieren möchte. 

Auf seinem Lieblingsbild befasst sich Arian mit Müll in den Meeren

Hobby oder Beruf? Experten warnen vor zu viel Lob

Experten sehen es durchaus kritisch, wenn Kinder zu Künstlern werden. Der Pädagoge Arno Stern ist sogar der Meinung, dass Kinder niemals Künstler sein können. “Der Erwachsene glaubt, das Kind zeichne, um ihm etwas mitzuteilen, und es erwarte möglicherweise Lob für das gefällige Bild. Zu einer solchen Abhängigkeit sind die Kinder in unserer Gesellschaft erzogen worden”, schreibt Stern in einem seiner Bücher zur Kunsterziehung. Die Psychologin Birgit Kausch von der KiTa Bremen sagte dazu in einem Interview mit dem Spiegel: “Jedes Kind hat ein individuelles Entwicklungsprogramm. Greift ein Erwachsener ein und sagt: ‘Das, was du hier gemacht hast, ist Kunst’, hemmt er das Kind diesbezüglich in seiner persönlichen Entwicklung”. Besser sei es, den Kindern Fragen zu dem Bild zu stellen.       

Mit Star Wars-Bildern zum neuen Lego-Set 

In der Galerie rennt Arian von Bild zu Bild. Zu jedem kann er eine Geschichte erzählen. Manchmal fällt sie ihm sofort ein, manchmal muss er kurz nachdenken. Wo es gerade noch um einen Roboter mit zwei Pistolen in der Hand ging, dreht sich wenig später alles um eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Seine Hände flitzen dabei von der einen Ecke der Leinwand in die andere. Anfassen darf man die Kunstwerke sowieso. Auf einem seiner ersten Bilder, das er vor drei Jahren gemalt hat, ist die Figur des Commander Cody aus dem Star Wars-Universum zu sehen. „Den habe ich extra mal bunt gemalt und nicht so langweilig weiß wie im Film“, sagt Arian.

Mittlerweile hat Arian rund 25 Bilder gemalt und bereits 12 davon verkauft. Bis zu 700 Euro kostet ein Werk von ihm. „Ein Käufer ist sogar extra aus Süddeutschland nach Köln gekommen, um zwei von Arians Bildern zu kaufen“, erzählt Arians Mutter und schüttelt dabei leicht mit dem Kopf. Mittlerweile kämen Arians Bilder bei den Kunden fast besser an als ihre, fügt sie lächelnd und etwas mit der Stirn runzelnd hinzu. Den Erlös der Bilder verwahren Arians Eltern. Er darf sich von dem Geld mal ein Lego-Set oder neue Tischtennisschläger kaufen. Grundsätzlich soll Arian aber nicht für das Geld, sondern aus Freude malen, sagt seine Mutter.

Fankontakt über Instagram

Arian scheint das Geld ohnehin weniger wichtig zu sein. „Auf Instagram habe ich jetzt schon über 2.000 Follower“, sagt er und checkt auf dem Handy seiner Mutter die Kommentare unter seinen Bildern. Über das soziale Netzwerk kann Arian auch ohne Ausstellungen mit seinen Fans in Kontakt bleiben. Diese Möglichkeit hat er in den letzten Monaten intensiv genutzt. In seinen Storys kann man sehen, wie seine Kunstwerke entstehen und wie Arian seine Freizeit verbringt. „Ich antworte auf alle Kommentare selbst und das sind oft ziemlich viele, die meine Bilder mögen“, erzählt er stolz.  Auch Diana Chyk ist klar, dass sie ihren Sohn nicht in eine Roll drängen will. Gerade jetzt, wenn Arian auf das Gymnasium kommt, soll die Schule an erster Stelle stehen. „Ich weiß eh noch nicht, ob ich Künstler werden will“, sagt Arian. Er könne sich auch vorstellen, Komponist, Steuerberater oder Fernsehreporter zu werden. „Aber mit dem Malen höre ich trotzdem nie auf“.