Das Gesicht auf dreihunderttausend Urlaubsfotos

Auf vielen Erinnerungsfotos vom Hackeschen Markt findet man einen Pizzabäcker in Kochmütze, der beide Daumen nach oben reckt. Seit 20 Jahren sitzt er dort. Doch wer ist dieser Mann?

„Pizza Peperoni, Holzofen! Tschack, tschack, tschack!“ Auf dem Hackeschen Markt in Berlin-Mitte strahlt die Sonne und es ist ordentlich was los. Zwei Touristen treten an den älteren Herrn heran, der mit weißer Kochmütze und roter Schürze vor einem italienischen Restaurant sitzt, ruft und winkt. „Bittschön, Foto!“, sagt er mit schwerem Akzent und zeigt beide Daumen nach oben. Die Touristen lächeln in die Handykamera, knips, dann gehen sie weiter. Die Show setzt sich fort: Immer die gleiche Pose, immer das gleiche Lächeln und immer der gleiche Spruch: „Tschack, tschack, tschack“ und „Bittschön“.

„Von mir werden 60, 70 Fotos pro Tag gemacht“, sagt er. Ein Aufkleber auf der Brust verrät seinen Namen: Oktay. Er ist 68 Jahre alt. Von 12 Uhr bis 18:30 Uhr sitzt er jeden Tag dort auf seinem Hocker, als Pizzabäcker verkleidet und lädt Passanten in das Restaurant Barist ein. Seit 20 Jahren mache er das den ganzen Sommer und Herbst, bis in den Dezember, sagt er. Wenn das stimmt, dann gibt es – 60 Fotos pro Tag, 275 Tage von April bis Dezember, über 20 Jahre – ungefähr 330 000 Urlaubsbilder, in denen Oktay sein typisches Lächeln lächelt. „Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um diesen Job machen zu können“, sagt seine Kollegin Valeriia Kyrdan, die bei Barist kellnert.

Einen Tag später, ein verregneter Samstag. Einige Besuchergruppen schlendern vorbei. Als Oktay winkt, winken sie zurück. Er nimmt seine Pose ein, deutet mit beiden Händen auf den Eingang zum Restaurant. Dann lächelt er. „Tschack, tschack, tschack. Pizza Peperoni, Holzofen!“ Ein älteres Paar bleibt stehen und lässt sich von ihm die Karte zeigen. Sie nicken sich zu und schon hat Oktay sie zu einem Tisch geführt. Es ist noch nicht viel los im Barist, um 12 Uhr sind die Tische noch leer. Aber: „Viele Leute kommen wegen ihm. Er macht seine Arbeit gut“, meint Kyrdan.

1988 kam Oktay aus der Türkei nach Berlin. Als er nach Deutschland einreiste, hatte er nur ein Urlaubsvisum für drei Monate, erzählt er. Er zieht einen speckigen Ausweis aus seiner Jacke, darauf das Foto eines jungen Mannes mit vollem, welligem Haar und die Worte „Generalkonsulat der Republik Türkei“. „Dort war ich Koch“, sagt er.

Immer wieder sei sein Visum verlängert worden. Schließlich ist er in Berlin geblieben. „Heroin, Kokain, Cannabis, alles gab es damals“, erinnert er sich. Eine Zeit lang sei er alkoholabhängig gewesen. „Ich habe gesund gekocht und war selbst nicht gesund“, sagt er und lacht dabei. Drei Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland fing er an, Reklame für Restaurants zu machen. „Ich war überall, am Alexanderplatz, in der Friedrichstraße.“ In einem Restaurant am Checkpoint Charlie habe ihn schließlich sein heutiger Chef angesprochen. Seitdem sitzt er am Hackeschen Markt.

Mittlerweile ist Oktay in Rente, die Reklame nur noch ein Nebenjob. Er hat zwei Töchter, den Stolz auf beide merkt man ihm an, als er über sie spricht. Wäre er damals auf die Universität gegangen, hätte er mehr Geld verdient, mehr im Kopf gehabt, sagt er. Dafür hat er ein großes Herz: „Er hat ganz viel Liebe“, sagt Valeriia Kyrdan. Die Menschen, auf die er trifft, scheinen ihn ebenfalls sehr zu mögen. Die Ketten, Bänder und Anstecker, die er trägt, sind alles Geschenke von Touristen.

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