Wo Zukunft Wurzeln schlägt
Tobias Torge hatte wenig Spaß daran, in der Schule zu pauken. Im Gemeinschaftsgarten „Wachsenlassen“ fällt ihm das Lernen leichter.
Ein leises Surren liegt in der Luft. Vögel zwitschern zwischen den Sträuchern und Beeten. Eine Biene kämpft sich aus dem Blütenstand der wilden Möhre hervor, der aussieht wie ein kleiner weißer Schirm. Daneben steht Tobias Torge. Mit einem Lächeln auf den Lippen hält er vorsichtig den Stängel fest, sodass die Biene es leichter hat, herauszukommen. Er sieht nicht aus, wie man sich einen klassischen Hobbygärtner vorstellt. Kein Strohhut und keine Gummistiefel. Stattdessen trägt er Sneaker, eine lockere Hose, die Hände frei für das, was hier zählt: kräftig mitanzupacken.
Vier Tage in der Woche arbeitet Torge im Berliner Gemeinschaftsgarten „Wachsenlassen“. Der 18-Jährige absolviert hier sein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Gemeinsam mit drei weiteren Mitarbeitenden pflegt er Beete, pflanzt Gemüse und begleitet Projekte mit jungen Menschen und Familien. Nachdem er nach der elften Klasse die Schule abbrach, wusste er nicht, wohin ihn sein Weg führen sollte. Heute beantwortet er Kindern Fragen über die Natur. Zum Beispiel, welche Spuren zu welchem Tier gehören. Gerade die Arbeit mit den jungen Besucherinnen und Besuchern erfülle ihn. Wenn er ihnen die Natur näherbringt, „fühlen sich zwei Stunden wie eine halbe an“, sagt er.
Torge bleibt bei einem großen Erdloch stehen und zeigt auf den schmalen Eingang. „Jeden Winter sucht hier mitten in Berlin ein Fuchs Zuflucht.“ Manchmal zeigt er Kindern ein Fuchsfell. Viele denken jedoch, es stamme von einem Hund. Für den jungen Berliner bedeutet Naturschutz nicht nur, Klimawandel und Artensterben zu verhindern. Naturschutz beginnt für ihn dort, wo Kinder lernen, genauer hinzusehen. Wie viele junge Menschen sorgt sich auch Torge um die Zukunft der Natur: „Als mein Vater noch ein Kind war, gab es so viele Insekten“, sagt er. „Heutzutage sieht man kaum noch welche.“
Im September beginnt Torge eine Ausbildung als medizinischer Fachangestellter. Was er in seinem Jahr bei „Wachsenlassen“ neben dem Gärtnern gelernt hat? „Alle so zu akzeptieren, wie sie sind“, sagt er. Hier würden die unterschiedlichsten Menschen nebeneinander arbeiten. Jeden zweiten Montag kocht ein kleines Team für alle, die sich in der Villa Lützow engagieren – der sozialen Einrichtung, zu der der Gemeinschaftsgarten gehört. 30 bis 40 Mitarbeitende essen dann gemeinsam.
Inzwischen ist es später Nachmittag. Auf den verwinkelten Trampelpfaden schlendert Torge Richtung Gartentor. Hinter ihm summen die Bienen zwischen den Beeten, vor ihm rauscht der Verkehr der Großstadt. Ein paar Schritte und der Garten verschwindet. Nur das Summen bleibt noch einen Moment im Ohr.