„Andere bekommen Kinder, ich bekomme Boote“
Nach einer Krebserkrankung lässt eine junge Berlinerin ihren Traum wahr werden: Ein eigenes Hausboot auf der Spree. Trotz Kritik kämpft sie für ihr Projekt.
Dutzende Hausboote übersäen die Rummelsburger Bucht in Berlin. Zwischen all den Booten schleppen zwei Personen einen Blumenkübel, die Knöchel ihrer Hände weiß vom Druck. Über eine Holzplanke zerren sie den Kübel an Bord eines der Hausboote. Es ist eine Baustelle auf dem Wasser, vollgestellt mit Holzlatten und alten Sitzgarnituren der Vorbesitzer. Das Häuschen darauf erinnert an eine Holzhütte in Schweden, doch es ist längst nicht fertig. Aus den Wänden ragen Kabel, mal ein rotes, mal ein grünes. Sägespäne bedecken den Bootsboden. In der Luft hängt der Geruch von frischem Putz.
Das unfertige Hausboot gehört Marie* aus Neukölln. Die Anfang 30-Jährige ist ausgebildete Kunsttherapeutin und engagiert sich ehrenamtlich bei der Organisation „Spree:publik“. Diese setzt sich für die Spree als Gemeinschaftsort ein und befreit den Fluss regelmäßig von Müll. Marie hat dieses Jahr ihren Traum eines eigenen Hausboots realisiert. Nicht um dort zu wohnen, sondern um es als Atelier zu nutzen. Schon als Kind habe sie alles zum Wasser gezogen, sagt Marie. „Es ist eine Faszination, die bei mir nie aufgehört hat.“ Ausschlaggebend für den Kauf war ihre Krebserkrankung. Durch ihre Erkrankung sei ihr bewusst geworden, dass sie nur dieses eine Leben habe. Für sie sollte das eigene Hausboot vor allem eins werden: ein Platz, um kreativ zu werden und sich selbst eine Auszeit zu gönnen.
Marie steht an der Reling ihres Bootes in Friedrichshain-Kreuzberg. Ihre Hände umgreifen das Geländer, sie atmet tief ein. Mit einem Lächeln wandert ihr Blick über das Wasser. „Ich meine, schau dich doch mal um.“ Der Wind weht durch die Trauerweiden am Ufer. Nur das Knirschen der Kieselsteine durchbricht die Stille, wenn Spaziergänger entlanglaufen. Die Mittagssonne spiegelt sich auf dem grünen Wasser der Bucht. Durch Seerosen schwimmen vereinzelt Enten.
Während der Ort so ruhig ist, sind die Diskussionen darüber laut: Sätze wie „Was will die denn jetzt mit so einem dicken Boot?“ seien für Marie Alltag. Viele hätten Vorurteile gegenüber ihr als junge Besitzerin eines eigenen Hausbootes. Männliche Bootsbesitzer würden es ihr nicht zutrauen, die Größe ihres Schiffes zu handhaben. Doch vor allem ihre Familie mache es ihr schwer: „Ich komme aus einer sehr konservativen Familie.“ Als sie ihren Eltern von ihrem Traum erzählte, hätten sie ihn zunächst nicht unterstützt, sagt Marie. „Andere bekommen Kinder, ich bekomme Boote.“ Damit wolle sie vor allem mit dem Klischee brechen, dass Hausboote lediglich etwas für Hippies oder Obdachlose sind.
Statt ihrer Familie unterstützen Maries Freunde sie bei der Baustelle – ihre „Wahlfamilie“, wie sie es nennt. Gemeinsam mit einem ihrer Freunde schneidet Marie Holzbretter für ihr Hausboot zurecht. Ein Hauch von Natur bleibt in der Nase hängen. Sägespäne fliegen über das Deck. Der Stapel an Brettern wird kleiner, der an Sägespänen größer. Für Marie ein weiterer Schritt in Richtung Ziel, ganz entgegen den Vorurteilen. „Jetzt bin ich halt mittendrin, dann hör ich auch nicht mehr auf.“
* Die Protagonistin wird unter einem Pseudonym genannt. Ihr Name wurde auf ihren Wunsch geändert. Sie engagiert sich in der linken Szene und fürchtet, aufgrund ihrer politischen Meinung angegriffen zu werden.