In der Schusslinie  

Spott, eingezogene Köpfe, Gleichgültigkeit. Simon Blum hält das seit drei Jahren aus – weil er glaubt, dass jedes Gespräch zählt. Eine Begegnung mit einem Aktivisten, der nicht aufgibt.  

„Nur Fleisch macht Fleisch“, rufen zwei Männer, ohne stehen zu bleiben. Jugendliche skandieren im Vorbeigehen „Burger, Burger.“ Der Mann mit dem Schild schaut nicht auf. Er steht vor einem Halbkreis aus fünf Menschen in Schwarz – breitbeinig, stumm, maskiert – auf der Kölner Domplatte. Aus einem Lautsprecher schallen Tierschreie übers Pflaster, gemischt mit Technobeats. Passanten halten kurz inne – dann gehen sie weiter. 

 Simon Blum ist dreißig Jahre alt, Softwareentwickler, seit drei Jahren Aktivist. Schmal gebaut, Dreitagebart. Auf dem Rücken seines schwarzen T-Shirts steht: „Leb vegan, statt brutal.“ Sein Weg hierher begann in einer Unterrichtsstunde. Mit fünfzehn lud seine Deutschlehrerin einen Veganer ein. Blum hörte zu. Danach aß er kein Fleisch mehr. Zwölf Jahre lang blieb es dabei – bis er im Fernsehen eine Aktivistin sah und anfing, Fragen zu stellen, die er vorher nicht gestellt hatte. Er folgte einschlägigen Accounts, fand Gleichgesinnte, fand Argumente. „Ich bin tief in einer Bubble drinnen“, sagt er. Es klingt nicht wie eine Entschuldigung.   

Blum schiebt sich mit einem Plakat unterm Arm durch die Menge. Er beobachtet, wer stehen bleibt, wer mit eingezogenem Kopf vorbeieilt. Eine Gruppe Jugendlicher bleibt kurz stehen, als er sie anspricht. Sie tun zunächst so, als könnten sie kein Deutsch, wechseln ins Englische, dann zurück. Blum lässt sich nicht beirren. Er fragt mit fester Stimme, wie sie sich fühlen, wenn sie die blutigen Bilder sehen. Ob sie Tiere respektieren. Er sucht den Blickkontakt. Sie nicken, stimmen seinen Argumenten zu – und wollen ihren Lebensstil trotzdem nicht ändern. Er beendet das Gespräch zügig. „Da komme ich nicht weiter“, sagt er. „Da fühle ich mich machtlos.“   

So geht es oft. Ob er nach einem Gespräch einen Denkprozess angestoßen hat, weiß er nicht. “Ich weiß nicht einmal, ob ich selbst damals, vor drei Jahren, überhaupt für solche Gespräche zugänglich gewesen wäre“, sagt der Aktivist rückblickend.  

Die meisten gehen weiter. Aber manchmal bleibt jemand stehen, hört zu – und verspricht, kein Fleisch mehr zu essen. Wie viele das waren, hat Blum nicht gezählt. Einige. Und jeder hat ihm dabei die Hand gegeben.  

Die JONA ist das Journalismus-Stipendium

Wir bilden Euch zu Journalisten aus – und das neben dem Studium! Bewirb Dich um ein Stipendium der Journalistischen Nachwuchsförderung der KAS. Derzeit fördern wir etwa 100 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus ganz Deutschland. Diese können an tollen Journalismus-Seminaren teilnehmen und werden zusätzlich sogar finanziell gefördert. Infos zur Bewerbung findest Du auf unserer Seite und auf Instagram.

Mehr erfahren